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Der Himmel über Berlin

Kommentar
Oktober 2018

 

Autor: Klaus Siegers
Klaus Siegers ist Vorsitzender des Vorstandes der Weberbank und verantwortlich für die Bereiche Strategie, Personal und Beratung institutioneller Kunden.

Klaus Siegers

KENNEN SIE PRIMERA, DIE DÄNISCHE FLUG LINIE? Nein? Sollten Sie aber. Die traut sich nämlich zu, ab Sommer 2019 von Berlin aus täglich nach New York, viermal wöchentlich nach Boston und dreimal wöchentlich nach Toronto zu fliegen. Warum das eine Bemerkung wert ist? Weil die große Lufthansa sich das nicht traut. Im Gegenteil: Wenn es um eine vernünftige Anbindung Berlins an den internationalen Luftverkehr geht, erklärt sie, man könne nicht von ihr erwarten, „die Stadt mit vielen Direktverbindungen an die Wirtschaftsmetropolen dieser Welt anzubinden“, wie im Tagesspiegel zu lesen war. Ansonsten liege ihr Berlin aber am Herzen, die Berliner können ja über die Lufthansa-Drehkreuze in die Welt fliegen. Wie steht die Gesellschaft vor diesem Hintergrund eigentlich zur Fertigstellung des BER? Honi soit qui mal y pense ... Kurioserweise bringen Fluggesellschaften wie Delta, United, Air Canada Rouge, Hainan Airlines und andere Interkontinentalflüge von und nach Berlin zustande. Die Lufthansa, die einst in Berlin gegründetwurde, nicht.

Als Ökonom könnte ich ein gewisses Verständnis aufbringen: Wer teure Standorte in Frankfurt oder München unterhält, der will diese auch ausgelastet wissen. Als Berliner habe ich kein Verständnis. An diesem Beispiel zeigt sich meines Erachtens auch wunderbar, dass es ganz konkrete Ansatzpunkte für die Wirtschaftspolitik gibt, Begleitmaßnahmen zu initiieren, die unternehmerische Entscheidungen befördern oder im Nachhinein rechtfertigen. Die Verantwortlichen für Reise, Tourismus und Handel sind gut beraten, das vorhandene und geplante Angebot an Interkontinentalflügen geschickt zu flankieren, um den Beweis zu erbringen, dass Berlin das wert ist! Also: Es gibt jede Menge Hausaufgaben.

„Berlins Kreativität braucht Infrastruktur, die sie beschleunigt.“

Wer jedoch in den vergangenen Wochen die Euphorie in Medien und Wirtschaftspolitik verfolgt hat, musste den Eindruck gewinnen, ein moderner Goldrausch sei ausgebrochen: Tesla, Harley-Davidson, gern auch geheimnisvolle chinesische Investoren – alle seien auf der Suche nach Standorten in Europa, und Berlin sei doch gut geeignet ... Warum so bescheiden? Warum nicht gleich die Zentralen von Apple, Coca-Cola und Pfizer?

In Wahrheit gibt es hier kaum noch große Flächen für Industrieansiedlungen, die Mieten steigen, ebenso die Lebenshaltungskosten. Dennoch wird 2018 das fünfte Jahr in Folge sein, in dem Berlins Wirtschaft stärker wächst als der Bundesdurchschnitt. Ja, Berlin hat auch nachzuholen. Ja, Berlin war einst Industriehauptstadt. Dem müssen wir nicht nachtrauern: Heute leben wir im Zeitalter der Digitalisierung, und da weist beispielsweise die Gründung der Digitalagentur Berlin den richtigen Weg. Berlin ist eines der bedeutendsten Start-up-Zentren weltweit. Da geht es weder um Muskel- noch um Maschinenkraft. Hier ist Kreativität zu Hause. Die braucht ein Umfeld, in dem sie sich entfalten kann – und eine infrastrukturelle Umgebung, die beschleunigt und nicht bremst: also Gewerberäume, Highspeed-Internet und, nicht zuletzt, internationale Verkehrsanbindungen. Was wir im Himmel über Berlin brauchen, sind Flugreisende aus aller Welt, keine Luftschlösser.

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