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Rückenwind vs. Gegenwind

 

 

 

Autor: Sascha Rehbein
Finanzmarkt aktuell per 18. August 2017
Sascha Rehbein, CFA, Portfoliomanager

Sascha Rehbein

Wenn wir Berliner die letzten Wochen Revue passieren lassen, fragt man sich, wo eigentlich der Sommer geblieben ist? Am Kapitalmarkt könnte man eine ähnliche Frage stellen – wo bleibt das Sommerloch? Während noch zum Monatsanfang eine allgegenwärtige Sorglosigkeit herrschte, wurde der Markt durch einen aufkommenden Sturm von Kriegsängsten unangenehm wachgerüttelt. Insbesondere am Aktienmarkt war innerhalb kürzester Zeit eine erhöhte Schwankungsintensität zu beobachten. Um die aktuellen Bewegungen besser zu verstehen, blicken wir zurück auf die maßgeblichen Einflussfaktoren der letzten Wochen.

Rückenwind vs. Gegenwind

Starten wir zunächst mit den unterstützenden Faktoren. Nachdem die französischen Wahlen im Frühling ein marktfreundliches Ergebnis hervorbrachten, sind die politischen Gewitterwolken über Europa verzogen. Zusätzlich sorgt die erfreuliche Konjunktur für Rückenwind – nicht nur in Europa, sondern auch weltweit. Die zuletzt veröffentlichten Wachstumszahlen für das zweite Quartal unterstützen dies. Deutschland unterstreicht mit 0,6% Wachstum gegenüber dem Vorquartal den robusten Trend der Vorquartale. Der Wirtschaftsmotor läuft! So verzeichnete die deutsche Wirtschaft nun das zwölfte Wachstumsquartal in Folge. Aber auch in der Eurozone ist eine zufriedenstellende Entwicklung zu erkennen. Das Wachstum wird auf breiten Schultern getragen, denn von den vier großen Mitgliedstaaten trugen alle zur positiven Entwicklung bei. Auch am Arbeitsmarkt macht sich dies bemerkbar. So ist die Arbeitslosenquote zuletzt auf das niedrigste Niveau seit Mitte 2009 gefallen. In der US-Volkswirtschaft läuft es ebenfalls rund. Wir befinden uns hier immerhin in der drittlängsten Wachstumsperiode seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1854! Zusätzlich ist der Start in das aktuell laufende Quartal geglückt, wie die erfreulichen Einzelhandelszahlen in dieser Woche gezeigt haben. Diese haben mit 0,6% das höchste Monatswachstum in diesem Jahr verzeichnet und unterstreichen die hohe Konsumfreudigkeit der US-Amerikaner.

Kommen wir zu den unerfreulichen Einflussfaktoren für die Kapitalmärkte, die weiterhin maßgeblich aus Washington stammen. Es scheint so, als wären die politischen Gewitterwolken von Europa in die USA gezogen und verursachen dort einen Donnerschlag nach dem anderen. So führte der verbale Schlagabtausch zwischen Washington und Pjöngjang zu einem sprunghaften Anstieg der Furcht vor einem nuklearen Konflikt. Leider hat Präsident Trump, anders als seine Vorgänger, die Provokationen aus Nordkorea diplomatisch nicht entschärfen können, sondern im Gegenteil mehrfach für eine Zuspitzung dieser heiklen Situation gesorgt. Seine Unerfahrenheit in der internationalen Diplomatie kommt immer deutlicher zu Tage. Aber auch innenpolitisch läuft es alles andere als rund. Die versprochenen stimulierenden Maßnahmen, ob Steuersenkung oder Infrastrukturausgaben, sind in weite Ferne gerückt. In Kürze sollte weiterer Gegenwind auf Präsident Trump und seine Republikanische Partei eintreffen. Bis Ende September muss ein neues Haushaltsbudget verabschiedet und das Schuldenlimit erhöht werden. Viel Zeit dafür bleibt nicht, denn der amerikanische Kongress befindet sich bis Anfang September im Sommerurlaub. Als würde all das noch nicht ausreichen, lauert im Hintergrund noch immer Sonderermittler Mueller, der Trump wegen der Russland-Affäre massivunter Druck setzen könnte.

Wettervorhersage: „Es bleibt unbeständig“

Wie bereits angedeutet, haben die globalen Aktienmärkte negativ auf die Nordkorea-Rhetorik von Donald Trump reagiert. In Europa beschleunigte sich somit die bereits seit Wochen leicht negative Kurstendenz. Die US-Aktienindizes wurden hingegen nur von einer leichten Brise erwischt und liegen aktuell nur knapp unter ihren Allzeithochs. Wie lässt sich diese Divergenz erklären? Einen Beitrag hierzu hat sicherlich der deutsche Automobilsektor geleistet, welcher bekanntlich aktuell von vielen Seiten unter Druck steht. Des Weiteren ist die Antwort aber auch am Devisenmarkt zu finden. So hat sich die Abwertung des US-Dollars in den letzten zwei Monaten nochmals beschleunigt und korreliert mit dem Zeitpunkt der Outperformance des US-Aktienmarktes gegenüber seinen europäischen Pendants. Dies wird durch diverse Aussagen von Unternehmenslenkern im Zuge der aktuellen Bilanzsaison unterstützt. So erfreuen sich US-Exporteure über die deutliche Dollar-Abwertung, da ihre Margen hiervon positiv beeinflusst wurden. Im Gegensatz dazu mussten einzelne europäische Manager ihren Ausblick deswegen reduzieren. Abseits der Währungseffekte interpretieren wir die Bilanzsaison auf beiden Seiten des Atlantiks sehr positiv. Das letzte Quartal war von Umsatz- und Gewinnsteigerungen über fast alle Sektoren hinweg geprägt. Ausgenommen der schwelenden Risiken im Hintergrund, die insbesondere aus Washington kommen, bleiben wir konstruktiv für die Aktienmärkte aufgestellt. Die fundamentale Lage der Unternehmen ist robust, die Weltwirtschaft wächst und somit bleiben die Gewinnerwartungen hoch.

Auch am Rentenmarkt haben die beschriebenen Einflussfaktoren in den letzten Wochen für Bewegung gesorgt. Doch die maßgeblichen Treiber bleiben weiterhin die Notenbanken. Das verwundert auch nicht, da die massiven Anleihekäufe die Volatilität am Markt beschränkt. Auf Grund dieser Käufe halten die großen westlichen Notenbanken mittlerweile ca. 15 Billion Euro an Wertpapieren und haben ihre Bilanzen seit der Finanzkrise vervierfacht. Dieser Trend könnte sich nun langsam dem Ende nähern. Auf Grund der brummenden US-Volkswirtschaft erwarten wir, dass die US-Notenbank Fed noch in diesem Jahr den Start der Bilanzreduzierung verkünden wird. Und selbst bei uns in Europa tut sich etwas! So könnte EZB-Präsident Draghi bereits im August auf dem Notenbankertreffen in Jackson Hole oder auf der darauffolgenden EZB-Sitzung im September reduzierte Anleihekäufe für das kommende Jahr verkünden. Der europäische Rentenmarkt hat sich bereits mehrfach nervös diesbezüglich gezeigt. Es sollte somit in den kommenden Monaten mit einer erhöhten Volatilität am Rentenmarkt gerechnet werden.

Schlussendlich kann man festhalten: Fundamental herrscht Sonnenschein, sowohl für die Unternehmen als auch für die Weltwirtschaft, wenn man allerdings die ersten sieben Monate der Trump Präsidentschaft in die Zukunft fortschreibt, könnte uns ein stürmischer Herbst erwarten.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation haben wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

Ansprechpartner für Journalisten:

Pressesprecher Robert Heiduck, (030) 8 97 98 - 388

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