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Gerät das deutsche Wirtschaftsmodell ins Wanken?

Wirtschaft & Trends
Juni 2022

 

Autor: Jan Gengel
Jan Gengel ist Direktor der Weberbank und seit 2006 als Portfoliomanager im Bereich Vermögensverwaltung verantwortlich für das Rentenmanagement und die Kapitalmarktanalyse des Hauses. Als gelernter Bankkaufmann werden seine beruflichen Erfahrungen durch die akademischen Abschlüsse als Diplom-Volkswirt der Humboldt Universität zu Berlin, Certified European Financial Analyst (CEFA) und Certified International Investment Analyst (CIIA®) abgerundet.

Jan Gengel

Der Überfall auf die Ukraine könnte für die deutsche und auch die gesamte europäische Wirtschaft eine größere Zäsur als die Coronapandemie bedeuten. So hat der Krieg die Karten im Bereich der Sicherheit, der Lieferketten und der Energieversorgung neu gemischt. Die Beschleunigung des Übergangs von fossilen Importen aus Russland in grünere Technologien, die Rückverlagerung der Produktion wichtiger Zwischenprodukte ins Inland oder die Steigerung der Verteidigungsausgaben auf Kosten anderer, produktiverer Investitionen könnten zu signifikanten Produktivitäts- und Wohlstandsverlusten führen. Verstärkt werden die Effekte kurzfristig durch die Null Toleranz-Politik Chinas in der Covidpandemie. Die abermaligen intensiven Einschränkungen des Wirtschaftsgeschehens gefährden die ohnehin bereits beeinträchtigten internationalen Warenströme und erhöhen den Druck bei Angebotspreisen. Die Auswirkungen sind bereits jetzt zu spüren und dürften aufgrund ihrer zeitverzögernden Wirkung noch steigen. Für den Konsum, aber noch mehr für die Industrie wirkt dies wie ein großer Bremsklotz. Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Quartale sogar eine Vollbremsung als negative Quartale hinnehmen müssen.

Deutschland dürfte mit seinem auf internationale industrielle Arbeitsteilung sowie auf russische Energielieferungen ausgerichteten Wirtschaftsmodell besonders betroffen sein. Im europäischen Vergleich nehmen wir einen Spitzenplatz bei der Abhängigkeit von Russland ein. Zweifelsohne haben wir in den vergangenen Jahren genau von dieser Aufstellung profitiert. Jedoch sind mit den Coronarestriktionen die Nachteile deutlich geworden, welche nun mit dem Ukrainekrieg nochmals schwerer wiegen. Sicherlich werden wir nicht der Globalisierung vollständig den Rücken kehren und in eine Art nationale Autarkie verfallen. Die damit verbundenen Nachteile wären einfach zu groß. Jedoch dürften und sollten einseitige Abhängigkeiten mittel und langfristig abgebaut werden. Störungen bei neuralgischen Lieferketten sollten durch mehrdimensionale Zulieferungen verhindert werden. Unser bisher so erfolgreiches Wirtschaftsmodell muss neu justiert werden.

Auch die langfristigen Herausforderungen durch den demografischen Wandel, die Digitalisierung oder die Dekarbonisierung erfordern dies. Dabei dürften Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen gefordert sein, da diese Strukturänderungen mit erheblichen Kosten in Form geringeren Wachstums und gleichzeitig höherer Inflation verbunden sind. Der Albtraum der Stagflation ist leider kein Traum mehr. Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) warnen bereits vor der wachsenden Gefahr und dem damit verbundenen Dilemma. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der derzeitigen Umbrüche sind enorm, und gleichzeitig wirken die Lieferprobleme und der Angebotsschock für Energie preistreibend. Ein überstürztes Handeln bei der durch die Inflation erforderlichen Normalisierung der Geldpolitik birgt die Gefahr, zu stolpern oder gar das ohnehin geschwächte Wachstum abzuwürgen. Die EZB wird meines Erachtens weiterhin sehr vorsichtig agieren. Die Erwartungen an einen schnellen und restriktiven Kurs, analog zur Politik der amerikanischen Fed, teile ich nicht. Die dadurch bedingten Verwerfungen an den Kapitalmärkten bieten für längerfristig orientierte Anleger zunehmend Chancen. Auch wenn die zukünftigen Ertragserwartungen meines Erachtens niedriger angesetzt werden sollten als in den vergangenen zehn Jahren.

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