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What’s next?

Die wirtschaftlichen Zwänge rücken in den Vordergrund

Henne-Ei-Problematik: Was kommt zuerst, Konsum oder Produktion?

Investorenpräferenzen im Wandel – solide Bilanz statt renditeoptimierter Kapitalstruktur

 

Autor: Jens Herdack
Finanzmarkt aktuell per 15. Mai 2020
Jens Herdack,  CEFA, CIIA, Portfoliomanager

Foto Jens Herdack

What’s next? Überall stellt sich aktuell genau diese Frage. Wie soll es jetzt wirtschaftlich und gesellschaftlich weitergehen? Erwartet uns womöglich eine zweite COVID-19-Ansteckungswelle? Können Fabriken wieder hochgefahren werden und wenn „ja“, gibt es überhaupt eine Nachfrage für die wieder aufgenommene Produktion? Welchen Einfluss werden die Notenbanken und Regierungen in den nächsten Monaten auf die Unternehmen und die Finanzmärkte nehmen? Und sollte man bereits jetzt wieder investieren oder ist es Zeit zur Gewinnmitnahme? Diese Ausgabe von „Finanzmarkt aktuell“ macht sich auf die Suche nach Antworten:

Die wirtschaftlichen Zwänge rücken in den Vordergrund

Zwar möchte es keine Regierung derart drastisch ausdrücken, aber hinter den aktuellen Öffnungen stecken nicht nur medizinische Gründe. So lockern die USA noch mitten in der Hochphase der dortigen COVID-19-Ausbreitung ihre Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie. Auch andernorts lastet ein erheblicher Druck auf den Regierungen, die Wirtschaft wieder ins Laufen zu bringen. Denn eines ist der Weltgemeinschaft bewusst: Sehr viel länger ist ein derart drastischer wirtschaftlicher Shutdown nicht durchzuhalten. Ohnehin stehen wir weltweit vor der schärfsten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg. Allein in den USA gingen im April über 20 Millionen Jobs verloren, und die Arbeitslosenquote stieg auf den höchsten Stand seit 1948. Insgesamt verlor jeder siebte Amerikaner in den letzten Wochen seine Arbeit. In Deutschland kann eine derart drastische Arbeitslosenwelle zum Glück verhindert werden, allerdings unter einem beispiellosen Anstieg von Kurzarbeiterreglungen. Einen kleinen Lichtblick gibt es immerhin auch für die Amerikaner. Dort haben sich 80% der neuen Arbeitslosen zunächst nur als temporär arbeitslos gemeldet, was auf die Hoffnung hindeutet, dass sie ihre Arbeitsplätze schnell wieder zurückbekommen.

Henne-Ei-Problematik: Was kommt zuerst, Konsum oder Produktion?

Dass die Wirtschaft wieder angefahren werden muss, ist wohl allen Regierungen und Unternehmen klar. Freilich stellt sich die Frage, wie das vonstattengehen kann. Dabei steht nicht so sehr die technische Umsetzung im Fokus – auch mit Mundschutzmasken und durch Trennwände geschützt können Arbeiter tätig sein – sondern vielmehr um die wirtschaftliche. Es ist nämlich gar nicht so einfach, das Wirtschaftsleben von Null wieder zu starten. Volkswagen musste diese Erfahrung bereits machen und steht davor, die mit ohnehin reduzierter Kraft wiederaufgenommene Produktion bereits wieder zurückzufahren, weil die Nachfrage ausbleibt. Denn Überwindung der Vertrauenskrise stellte eine große Herausforderung dar. Bereits in China war dieses Phänomen zu beobachten. So waren dort die Fabriken recht schnell wieder auf über 80 Prozent ihrer Kapazitäten hochgefahren worden. Die Zurückhaltung der Bevölkerung bei Konsum, Freizeitverhalten und Reisetätigkeit erholt sich hingegen deutlich langsamer. Das Vertrauen der Konsumenten ist global gestört, und aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit halten die Menschen ihre Ersparnisse lieber beisammen und warten die weitere Entwicklung ab. Noch drastischer zeigt sich die Zurückhaltung bei den Unternehmensinvestitionen: Hier ist in Europa im ersten Halbjahr mit einem Rückgang von 40 Prozent und damit doppelt soviel wie beim privaten Konsum zu rechnen.

Investorenpräferenzen im Wandel – solide Bilanz statt renditeoptimierter Kapitalstruktur

Wie stellt sich die aktuelle Phase der schrittweisen Reduzierung der COVID-19 Maßnahmen in Verbindung mit dem Versuch des Wiederanfahrens der Wirtschaft für Investoren dar? Standen vor der Pandemie insbesondere Unternehmen mit möglichst effizient genutztem Kapital und durch Kreditaufnahme optimierter Rendite in der Gunst der Investoren, so sind es nun Firmen mit einer möglichst soliden Bilanz und „Über­lebens­wahr­schein­lichkeit“. Denn dass uns eine Pleitewelle bevorsteht, zeigen nicht nur die jüngsten Schätzungen der Ratingagentur Moody’s. Allerdings wird eine solche am Markt für Anleihen von Unternehmen mit schlechterer Bonität von den Investoren bislang offensichtlich noch nicht erwartet. Anders ist es nicht zu erklären, warum sich die Risikoaufschläge für Anleihen solcher Emittenten nur auf halbem Niveau im Vergleich mit der Finanzkrise 2008/2009 befinden. Mithin sehen wir hier ein Risiko für diese Investoren heraufziehen. Mit Blick auf die Bilanzqualität der Unternehmen rücken nun auch Märkte in den Fokus, die zuletzt von den Investoren eher weniger beachtet worden waren. So verzeichnet beispielsweise der japanische Aktienmarkt Mittelzuflüsse. Die dortigen Unternehmen sind wesentlich geringer verschuldet, als ihre Pendants in Europa und den USA. Die Gründe für diese besondere Eigenschaft sind in der historischen Entwicklung der japanischen Wirtschaft zu finden. Jahrzehntelang bestand in Japan ein „Keiretsu“ genanntes System der Überkreuz-Beteiligungen zwischen Banken und Unternehmen. Dadurch lag der Fokus der Firmen nicht auf möglichst hoher Kapitalrendite, sondern möglichst soliden Bilanzen. Die an den Unternehmen beteiligten Banken wollten sicherstellen, dass die Unternehmen ihre Kredite auf jeden Fall zurückzahlen konnten. Mit den 2013 gestarteten „Abenomics“ genannten Reformen des japanischen Premierministers Shinzo Abe begann ein deutlicher Wandel der japanischen Wirtschaft. Das Keiretsu-System wurde seitdem sukzessive zurückgeführt und die Kapitalrenditen der Unternehmen konnten deutlich verbessert werden. Inzwischen schließen sie zu Unternehmen der westlichen Welt auf. Trotzdem weisen die japanischen Unternehmen noch immer deutlich konservativere Bilanzstrukturen auf. Dementsprechend sollten Investoren aktuell einen Blick auf den japanischen Markt werfen. Neben der Bilanzqualität spricht auch die führende Stellung japanischer Firmen in wichtigen Schlüsseltechnologien der Zukunft, wie z.B. der Robotik, für ein Engagement. Die Attraktivität des Marktes zeigte sich zuletzt auch in der relativ guten Kursentwicklung japanischer Aktien. So konnte beispielsweise der japanische TOPIX-Index sogar mit dem gegenüber Europa deutlich besseren S&P 500 US-Aktenindex mithalten. Wir haben zuletzt die Investitionsquote japanischer Aktien vor diesem Hintergrund in den von uns betreuten Mandaten zulasten der Schwellenländerinvestments erhöht. Denn auch wenn die Notenbanken und Regierungen weltweit mit gigantischen Summen gegen den Abschwung kämpfen – so wird allein die Bilanz der Europäischen Zentralbank wohl bis zum Jahresende auf zwei Billionen Euro ansteigen – halten wir es für wichtig, die Gefahr eines erneuten Rückgangs der Aktienkurse nicht zu ignorieren. Immerhin sind die Bewertungen der Aktienmärkte durch die wegbrechenden Gewinnerwartungen bereits wieder deutlich gestiegen. Dementsprechend gilt auch weiterhin unsere Empfehlung, Unternehmen insbesondere aus defensiven Branchen im Portfolio zu bevorzugen und sich die Flexibilität zur Chancennutzung mittels angemessener Kassehaltung zu erhalten.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation haben wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

Ansprechpartner für Journalisten:

Pressesprecher Robert Heiduck, (030) 8 97 98 - 388

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