Franzi Kühne

Expertin für Veränderung

Von einer kleinen Digitalagentur in den Aufsichtsrat eines DAX- und den Vorstand eines Traditionsunternehmens: Die Karriere der Berliner Unternehmerin und Digitalexpertin Fränzi Kühne verläuft steil. Wer die digitale Transformation wirklich ernst meine, sagt sie, brauche vor allem eins: Mut zur Veränderung.

Fränzi Kühne liebt Zen-Bogenschießen. Dann schnappt sie sich ihren Bambusbogen samt Pfeilen und geht raus in den Garten. Dort steht sie dann erst mal, den Bogen gespannt, den Pfeil in Richtung Ziel, manchmal minutenlang, spürt in sich hinein: Stehe ich gerade? Wie fühlt sich mein Körper an? Bin ich gestresst oder entspannt? Atme ich flach oder tief? Der Fokus, so der Sinn der Übung, liegt nicht auf dem Ziel, sondern im eigenen Körper. Ins Ziel trifft eine gute Zen-Bogenschützin oder ein guter Zen-Bogenschütze dann trotzdem. „Ich finde es faszinierend, wie maximal fokussiert man sein kann auf all das, was im eigenen Körper gerade passiert, sich dabei eigentlich überhaupt nicht für sein Ziel interessiert, dann trotzdem irgendwann loslässt und sogar noch trifft. Man lernt, im Moment des Loslassens ganz bei sich zu sein“, schwärmt die 39-jährige Unternehmerin. Und wirkt dabei so konzentriert, wach und präsent, dass man ihr sofort glauben möchte.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders: Vielleicht ist Fränzi Kühne deshalb so fasziniert vom achtsamen Nicht-zielen-und-dabei-Treffen, weil sie genau dies schon ihr ganzes Leben lang praktiziert – und offenbar von Karrierestufe zu Karrierestufe immer besser darin wird. Geboren 1983 im Ost-Berliner Bezirk Pankow, wächst Kühne in Berlin-Marzahn auf und schreibt sich nach dem Abitur zunächst für Lebensmitteltechnologie an der Technischen Universität Berlin ein. „Ich fand, das hörte sich interessant an. Außerdem hatte das Fach keinen NC.“ Als ihr klar wird, dass es dabei viel um Chemie und Mathe geht („Ich hatte schon in der Schule Mathe-Nachhilfe“), konzentriert sie sich auf ihren Studentenjob im Catering und entdeckt dort ihr Talent zu Führungsaufgaben. „Ich habe schnell immer größere Teams geleitet und die Verantwortung für immer größere Events übernommen. Ohne dass ich das irgendwie forciert hätte. Das hat sich einfach so entwickelt.“ Learning by Doing also.

2007 bricht sie ihr Studium an der TU ab und schreibt sich für Jura an der Freien Universität Berlin ein. In einer Vorlesung lernt sie ihren Sitznachbarn Christoph Bornschein kennen und landet über diesen als Eventmanagerin beim Berliner Gaming-Start-up Frogster. Zusammen mit Bornscheins Bekanntem Boontham Temaismithi bauen die beiden den Social-Media-Bereich des Unternehmens auf. Es ist die Zeit, in der Facebook und Twitter in Deutschland relevant werden. „Eigentlich hatte noch niemand eine Ahnung, wie das Marketing auf den neuen Plattformen genau funktionieren soll. Also haben wir uns darum gekümmert.

Die drei merken schnell, wie groß der Bedarf ist, und entscheiden sich nur ein Jahr später dazu, eine eigene Firma zu gründen. „Wir wollten einfach mal schauen, ob das überhaupt funktioniert“, erzählt Kühne. „Wenn nicht, wären wir weich gefallen. Ich hätte wahrscheinlich einfach mein Jurastudium wieder aufgenommen.“ Selbst der Name des Unternehmens ist eigentlich nicht ganz ernst gemeint: Torben, Lucie und die gelbe Gefahr. „Gelbe Gefahr“ wegen der asiatischen Wurzeln des Mitgründers Temaismithi. Heute natürlich ein No-Go, wie Kühne nachdrücklich betont. Inzwischen habe sich die Firma umbenannt, im Handelsregister sei ausschließlich das Akronym TLGG eingetragen.

TLGG jedenfalls funktioniert. So gut, dass sehr bald größere Agenturen die Zusammenarbeit suchen – immer dann, wenn Social-Media-Expertise gefragt ist. Facebook-Seiten wollen aufgebaut und gepflegt, die Kommentarbereiche gemanagt werden. Neue Kundinnen und Kunden kommen hinzu, das junge Unternehmen wächst und wächst, muss sich ständig neu aufstellen. Kühne macht das, was sie am besten kann – analysieren, führen, organisieren. „Unsere Aufgabe war es, genau zu beobachten, wie der Markt sich entwickelt, ob sich bei den Bedürfnissen der Kunden etwas verändert und welche Stimmung bei den Mitarbeitern herrscht.“ Im Jahr 2011 dann der Ritterschlag: Die Lufthansa engagiert TLGG als globale Leadagentur für den Bereich Social Media. Um auf dem weltweiten Markt noch präsenter zu sein, verkauft das Gründertrio sein Unternehmen an die US-Werbeholding Omnicom. Und Kühne macht sich weit über die Werbebranche hinaus einen Namen als -Expertin für digitale Transformation, die – wie inzwischen die Führungsetagen begreifen – weit mehr ist als die Einführung digitaler Tools. „Im Kern geht es um die Transformation einer kompletten -Organisation“, sagt Kühne. „Hin zu einem offenen Mindset und Mut zur Veränderung.“

2017 beruft die freenet AG sie als Digitalisierungsexpertin in den Aufsichtsrat, als damals jüngstes Mitglied. Kühne ringt zunächst mit der Entscheidung, hat Respekt vor dem Sprung in die Öffentlichkeit. „Ich hatte mich bis dahin eigentlich immer sehr davor gescheut, im Fokus zu stehen.“ Dennoch wagt sie den Schritt. „Natürlich war mir klar, dass das ein großes mediales Interesse auslösen wird: eine junge Frau aus einer Berliner Agentur im Aufsichtsrat eines DAX-Unternehmens. Aber gerade deshalb wollte ich das auch machen. Ich dachte, jetzt habe ich endlich Öffentlichkeit und kann über Unternehmerinnentum sprechen, über Diversität. Und warum das der Schlüssel für die Zukunft ist.“ Was dann passierte, damit hatte sie so allerdings nicht gerechnet.

Denn in der Berichterstattung geht es vor allem um: ihre Frisur (Undercut), ihre Kleidung (bunt), ihre Tochter (zum Start bei Freenet gerade mal ein Jahr alt). Am Anfang versucht sie noch, ihre Irritation zu ignorieren. Irgendwann stören die Fragen sie aber so, dass sie sich entscheidet, den Spieß umzudrehen. Sie bittet erfolgreiche Männer um Interviews. Die Idee: All die Fragen, die ihr und anderen Frauen in Führungspositionen typischerweise gestellt werden, einfach mal an die männlichen Pendants richten und schauen, was passiert. Sie sucht sich Unternehmer, Politiker, Künstler, Journalisten, Wissenschaftler und staunt über die oft große Verwirrung und die überraschenden Reaktionen, die „ihre“ Fragen bei den Männern auslösen. „Ich habe zum Beispiel überhaupt nicht verstanden, warum so viele lachen mussten, als es um ihre Vorbildrolle ging – etwas, wonach erfolgreiche Frauen ständig gefragt werden.“ Kühne reflektiert, ordnet ein und sammelt die Ergebnisse in ihrem 2021 erschienenen Buch „Was Männer nie gefragt werden“. Einer ihrer wichtigsten Punkte: Viele erfolgreiche Männer sind sich ihrer Rolle und ihrer Privilegien gar nicht bewusst, weil sie in einer auf Männer optimierten Arbeitswelt leben. Deshalb werde auch gelacht bei der Frage nach der Vorbildrolle. „Weil das bedeuten würde, das eigenes Verhalten und die eigene Strahlkraft nach außen stärker zu reflektieren. Und darin haben die meisten überhaupt keine Routine.“ 

Sie selbst ist sich ihrer Vorbildrolle durchaus bewusst, seit Neuestem einmal mehr in einer bemerkenswerten Position: als CDO von Edding, zusammen mit ihrem ehemaligen TLGG-Kollegen Boontham Temaismithi. Die Wirtschaftspresse ist begeistert: das erste Vorstandstandem Deutschlands! „Aber natürlich finden es die meisten wieder besonders spannend, wie großartig das doch für mich als Frau und Mutter sei. Statt zu verstehen, dass Männer vielleicht auch ein Interesse -daran haben, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, als sich in 80-Stunden-Knochenjobs zu verschleißen.“ Auch Edding will Kühne zusammen mit ihrem Partner auf neuen Kurs bringen: „Digitalisierung ist Organisationsentwicklung, also echte Veränderung. Und genau hierbei haben die Unternehmen überhaupt keine Erfahrung. Es ist wichtig, erst mal eine gemeinsame Vision zu definieren, wohin man sich langfristig entwickeln will.“

Selbst plane sie dagegen nie langfristig. „Ich möchte in zehn Jahren Vorständin von der Lufthansa sein“, so denke sie nicht. „Dann würde ich mir viel zu viel verbauen.“ Entscheidend für sie sei es, im Hier und Jetzt zu leben und Spaß zu haben an dem, was sie gerade mache. „Ich reflektiere immer wieder: Geht es mir gerade gut? Und wenn nicht: An welcher Schraube muss ich denn drehen, damit sich etwas ändert?“ Sich selbst spüren, im Moment sein, nicht zwanghaft einen Plan erfüllen wollen – die eigenen Ziele aber trotzdem treffen.

Text: Klaus Lüber
Foto: Meike Kenn
Datum: Oktober 2022

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