Läuft die internationale Staatsverschuldung aus dem Ruder?

Wirtschaft & Trends
Oktober 2025

 

Autor: Dr. Max Hanisch
Portfoliomanager

Dr. Max Hanisch Portfoliomanager

DER FOKUS DER MÄRKTE – insbesondere der Anleihemärkte – hat sich zuletzt auf die Haushaltsdefizite und Schuldenquoten vieler Länder der entwickelten Welt konzentriert. Nachdem steigende Staatsschulden im Zuge der Bewältigung der Coronapandemie weitestgehend akzeptiert wurden, sorgen sich die Märkte nun wieder um die fiskalische Solidität. Denn: Die Haushaltsdefizite vieler Länder sind eben nicht zurückgegangen. So haben die USA jüngst eine umfassende Steuerreform beschlossen, die zwar die Wirtschaft entlasten soll, deren Finanzierung aber über massive zusätzliche Schulden erfolgen wird. Sowohl das Vereinigte Königreich als auch Frankreich plagen große Finanzierungslöcher, deren Bewältigung nur mit strukturellen Reformen zu erreichen wäre. Für diese fehlt aber der politische Wille beziehungsweise fehlen die nötigen politischen Mehrheiten. Selbst Deutschland weitet mit den Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung seine Verschuldung deutlich aus.

JE UNSICHERER EIN INVESTOR IST, ob er sein verliehenes Geld pünktlich und vollständig wiedersehen wird, desto höher wird der Risikoaufschlag sein, den er verlangt. Die Skepsis des Marktes lässt sich gut an den Renditen für lang laufende Staatsanleihen ablesen, die seit Jahresbeginn deutlich gestiegen sind. Offensichtlich müssen die aufkommenden Zweifel der Investoren mit höheren Renditen kompensiert werden. Unternehmensanleihen verzeichnen hingegen Rückgänge bei den Risikoaufschlägen, trotz geopolitischer und wirtschaftlicher Risiken. Können Staaten nur zu höheren Renditen neue Schulden aufnehmen, steigen ihre Zinskosten. So dürften die Zinskosten für die US-Staatsverschuldung im Jahr 2025 erstmals die Ausgaben für die nationale Verteidigung übertreffen. Damit erhöht sich das Defizit, die Verschuldung steigt weiter. Wieder wächst die Sorge der Investoren, und sie könnten erneut höhere Renditen verlangen.

KÖNNEN NOTENBANKEN FÜR ENTLASTUNG SORGEN? Sie beeinflussen das kurze Ende der Zinskurve, also Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren. Der politische Druck wächst, und wenn es um die Frage geht, entweder für die Bürger meist schmerzhafte Strukturreformen durchzuführen oder zu versuchen, die Notenbanken zu niedrigeren Zinsen zu bewegen, neigen kurzfristig orientierte Politiker zur zweiten, einfacheren Option. Mittelfristig führt eine expansive Geldpolitik aber zu einer vermehrten Kreditaufnahme, die die Wirtschaft und damit letztlich auch die Inflation stimuliert. In der Folge müssten die Zinsen sehr bald wieder angehoben werden (oder die Bürger einer Entwertung ihrer Einkommen und Ersparnisse zusehen). Auch die Notenbanken können daher wenig Abhilfe schaffen.

NEBEN DEN BEREITS ANGESPROCHENEN STRUKTURREFORMEN kann ein deutlicher Anstieg der Produktivität und des Wirtschaftswachstums – ausgelöst beispielsweise durch KI – das Szenario für die Zukunft optimistischer aussehen lassen. Steigen das Potenzialwachstum und damit die Steuereinnahmen, könnte das Haushaltsdefizit sinken. Zuversichtlichere Investoren würden dann auch wieder niedrigere Renditen akzeptieren. Die ökonomischen Konzepte, um aus der aktuellen Negativ- eine Positivspirale werden zu lassen, liegen auf dem Tisch. Es ist nun Aufgabe der Politik, sie umzusetzen.

Dr. Max Hanisch ist seit 2024 als Portfoliomanager bei der Weberbank tätig. Im Bereich Vermögensverwaltung verantwortet er das Rentenmanagement sowie die Kapitalmarktanalyse. Seine beruflichen Erfahrungen als Konjunktur- und Finanzmarktexperte werden durch den akademischen Abschluss zum Master of Economics und eine Promotion zum Dr. rer. pol. der Universität Münster abgerundet.

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