Offen, aber sicher

Wirtschaft & Trends
Juni 2026

 

Autor: Dr. Max Hanisch
Portfoliomanager der Vermögensverwaltung bei der Weberbank. Verantwortlich im Bereich Rentenmanagement sowie die Kapitalmarktanalyse.

Dr. Max Hanisch Portfoliomanager

Die Ära der globalen Liberalisierung geht zu Ende. Was zählt jetzt für die EU? Auf der Suche nach einer neuen Balance in der Weltwirtschaft.

„Die Zukunft gehört nicht den Globalisten. Die Zukunft gehört den Patrioten“, sagte Donald Trump im Jahr 2019 vor der UN-Generalversammlung. Diesen Gedanken hat der US-Präsident zu einem Kernpfeiler seiner Politik gemacht. Die Debatte, die seitdem intensiv über das Ende der Globalisierung geführt wird, greift jedoch zu kurz. Was derzeit zu beobachten ist, ist kein Rückzug aus der weltwirtschaftlichen Verflechtung, sondern ein grundlegender Umbau ihrer Spielregeln. Die Phase einer nahezu ungebremsten Liberalisierung, in der Effizienz als oberstes Prinzip galt, ist vorbei. An ihre Stelle tritt eine stärker politisch geprägte Form der Globalisierung, in der Sicherheit, Resilienz und strategische Interessen eine deutlich größere Rolle spielen.

Moderne Volkswirtschaften sind so eng miteinander verflochten, dass ein ernsthafter Rückbau der internationalen Arbeitsteilung massive Wohlstandsverluste nach sich ziehen würde. Wer Produktionsketten umfassend renationalisieren will, unterschätzt nicht nur die steigenden Kosten, sondern auch die negativen Effekte auf Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. „Deglobalisierung“ ist daher weniger eine realistische Option als vielmehr ein politisch zugespitztes Narrativ.

Gleichzeitig wäre es jedoch ebenso verfehlt, am bisherigen Modell festzuhalten. Die Krisen der vergangenen Jahre haben offengelegt, dass eine einseitige Ausrichtung auf Effizienz erhebliche Verwundbarkeiten schafft. Lieferketten, die ausschließlich auf Kostenvorteile optimiert sind, reagieren empfindlich auf geopolitische Spannungen, Handelskonflikte oder Pandemien. Es ist daher rational, dass Staaten und Unternehmen ihre Strategien anpassen und Resilienz stärker gewichten.

Kritisch wird diese Entwicklung dort, wo notwendige Anpassungen in wirtschaftspolitische Überreaktionen umschlagen. Besonders sichtbar ist das im Machtkampf zwischen den USA und China, die sich zunehmend als konkurrierende Wirtschaftsblöcke gegenüberstehen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, nicht von einem Extrem ins andere zu kippen. Stattdessen braucht es eine differenzierte Form der Globalisierung. Das gilt insbesondere für die EU und ihre Mitgliedstaaten, die von offenen Weltmärkten, Exporten und internationaler Arbeitsteilung wirtschaftlich enorm profitieren. Protektionismus und Abschottung oder die einseitige stärkere Bindung an einen der großen Akteure wären fatal. Genauso gefährlich wäre jedoch ein naives Weiter-So mit blindem Vertrauen in den guten Willen aller Handelspartner – das haben die Krisen der vergangenen Jahre gezeigt.

Die EU muss daher wirtschaftliche Offenheit bewahren und zugleich gezielt strategische Souveränität sowie resilientere Lieferketten aufbauen. Erste Schritte sind bereits getan mit dem European Chips Act oder der gezielten Förderung europäischer Produktionskapazitäten, Impfstoffen und kritischen Medikamenten wie Insulin und Antibiotika. In vielen anderen Bereichen sind die Herausforderungen deutlich größer – besonders bei kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden, Lithium oder Grafit, die für die Herstellung von Batterien und Halbleitern, bei Erneuerbare Energie- und Verteidigungstechnologien essenziell sind. Hier sollte es vor allem um Diversifikation gehen: also darum, die Zahl der Handelspartner zu erhöhen und Lieferketten auf mehrere Schultern zu verteilen. Das strategische Neudenken ist Fluch und Segen zugleich.

Natürlich steigen durch die Verlagerung von Produktionskapazitäten potenziell auch die Kosten. Gleichzeitig bieten sich Chancen für mehr heimische Wertschöpfung und Innovationskraft in Wirtschaftsbereichen wie Batterien und Halbleitern, die bereits als abgeschrieben galten, aber enormes Wachstumspotenzial bieten. Europas langfristige Stärke wird dabei nicht aus Abschottung entstehen, sondern aus der Fähigkeit, Offenheit, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz miteinander zu verbinden.

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