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Herr Draghi  und die Laubenpieper

Kommentar
Juni 2018

 

Autor: Klaus Siegers
Klaus Siegers ist Vorsitzender des Vorstandes der Weberbank und verantwortlich für die Bereiche Strategie, Personal und Beratung institutioneller Kunden.

Klaus Siegers

„Berlin boomt!“ So oder so ähnlich lesen Sie das von mir an dieser Stelle immer mal wieder. Das ist kein Wunschdenken des hier tätigen Geschäftsmannes – das ist die Realität, und da rund drei Viertel der Weberbank­ Kunden in Berlin leben, gibt es auch das gemeinsame Interesse an der Stadt. Mehr noch, auch unsere Kunden von außerhalb, das spüren wir ganz deutlich, sind sehr an ihrer Hauptstadt interessiert.

Berlin wächst und boomt also. Ein Grund zur Freude? Überwiegend ja; wir brauchen schließlich dringend Fachkräfte. Die sind gleich­ bedeutend mit Prosperität; Engpässe auf dem Arbeitsmarkt etwa aufgrund mangelnden Wohnraums sollten wir uns nicht leisten. Benötigt irgendeine deutsche Stadt dringender Wachstum als Berlin? Doch Wachstum ist oft auch mit Schmerzen verbunden. Die bisweilen hitzige Diskussion um eine Verdrängung von Menschen aus Innenstadtlagen durch steigen­ der Mieten beziehungsweise die damit verbundenen sozialen Aspekte – so berechtigt und not­ wendig sie ist – kann ich schon aus Platzgründen hier gar nicht führen. Bemerkenswert finde ich allerdings, dass einige von denen, die sich über Gentrifizierung beklagen, sich offenbar keine Gedanken darüber machen, wen sie selber einst verdrängt haben bei der Schaffung eines ihnen genehmen sozialen Milieus ...

Fest steht: Baugrund ist begehrter denn je. In der letzten Zeit rücken dabei auch die typischen Berliner Schrebergärten in den Mittelpunkt. Investoren würden hier nur allzu gern zuschlagen. Entsprechend heftig sind die Abwehrreflexe der Kleingärtner. Sie verweisen mit Recht auf ihre ökologische und sozia­le Bedeutung für die Stadt. Beide Seiten streiten gar mit Zeitungsanzeigen gegeneinander um die Zustimmung der breiten Öffentlichkeit. Bei der Weberbank direkt um die Ecke ist nun eine große Baustelle, wo jahrzehntelang gegärtnert wurde. Wie soll man das finden? Einerseits braucht die Stadt Wohnraum, und das zu einem Preis, der soziale Durchmischung ermöglicht. Denn nur gemeinsam lebt Berlin! Andererseits sind die Laubenpieper ein ebensolches Stück Berlin wie das Strandbad Wannsee, die Currywurst oder die große Klappe. Etwas, das die Vielseitigkeit dieser Stadt belegt und nicht zuletzt zu deren Charme beiträgt. Schwierig.

Versuchen wir es von der anderen Seite: Mindestens ebenso oft, wie ich über die Entwicklung Berlins schreibe, lesen Sie von mir Kritisches zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Um andernorts in Europa Budgetprobleme mindern zu helfen, hat die EZB den Habenzins abgeschafft. Mit den entsprechenden Konsequenzen nicht nur für Banken und Versicherungen, sondern vor allem auch für Sparer und Anleger. Sachwerte sind schon seit Jahren nicht zuletzt deswegen Trumpf; das immer wieder zu betonen hat schon fast etwas Mantrahaftes. Der DAX­-Stand und die Immobilienpreise sprechen aber eine deutliche Sprache.

Und hier schließt sich der Kreis. Abermilliarden von Anlagegeldern suchen Investitionsmöglichkeiten. Immobilien, das muss ich niemandem von Ihnen sagen, waren schon immer auch Betongold. Investoreninteressen versus Mieterinteressen? Die sich an den Berliner Schrebergärten zeigenden sozialen Kosten der EZB­-Geldpolitik sind aus meiner Sicht noch gar nicht ausreichend thematisiert worden. Warum sollten die Laubenpieper diese Zeche zahlen? Wenn der Senat neue Milieuschutzgebiete definiert, dann sollten dazu auch Gartenkolonien gehören.

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