Korrektur oder Trendwende im Technologiesektor?

US-Konjunktur: Zwischen KI-Boom und Abschwächungsgefahr

US-Notenbank stochert im Datennebel

Korrektur oder Trendwende im Technologiesektor?

 

Autor: Sören Wiedau
Finanzmarkt aktuell per 21. November 2025
Sören Wiedau, CEFA, Portfoliomanager

Sören Wiedau Portfoliomanager

Die Einigung im Haushaltsstreit und das vorläufige Ende des „Government Shutdown“ in den USA haben die Finanzmärkte zunächst spürbar entlastet. Die anfängliche Erholung hielt jedoch nicht lange an. Anleger blicken weiterhin mit Sorge auf das US-Wirtschaftswachstum, die künftige Zinspolitik der Notenbank sowie die zum Teil sehr hohen Bewertungen im Technologiesektor. Wie sich die Finanzmärkte aus unserer Sicht weiterentwickeln könnten und ob der Ausverkauf der Technologieunternehmen anhält, lesen Sie in unserer aktuellen Ausgabe von „Finanzmarkt aktuell“.

US-Konjunktur: Zwischen KI-Boom und Abschwächungsgefahr

Die US-Regierungsbehörden haben ihre Arbeit nach dem bislang längsten Shutdown der Geschichte wieder aufgenommen. Nach 43 Tagen Stillstand ist der Betrieb zwar vorerst gesichert, allerdings nur bis zum 30. Januar 2026. Das Risiko eines erneuten politischen Konflikts in Washington bleibt damit bestehen. Mit der Öffnung der Statistikämter setzt der Fluss wichtiger Konjunkturdaten nun schrittweise wieder ein. Es ist jedoch zu erwarten, dass viele Veröffentlichungen nur verzögert oder in eingeschränkter Qualität erscheinen. Entsprechend hoch bleibt die Unsicherheit in den kommenden Wochen. Unter Marktteilnehmern hat sich die Skepsis bezüglich der aktuellen konjunkturellen Lage in den USA zuletzt verstärkt. Insbesondere die schwachen Arbeitsmarktdaten privater Umfrageinstitute für den Monat Oktober haben zur Verunsicherung beigetragen. Trotz des kräftigen Impulses durch KI-Investitionen dürfte die US-Wirtschaft aus unserer Sicht in eine Phase moderateren Wachstums eintreten. Der nachlassende Rückenwind vom Arbeitsmarkt, steigende Refinanzierungskosten für Unternehmen und die anhaltende politische Unsicherheit in Washington sprechen für eine graduelle Abkühlung, nicht jedoch für einen unmittelbaren tiefen Einbruch. Entscheidend für den weiteren Konjunkturverlauf wird sein, ob der Investitionsboom im Technologiesektor stark genug bleibt, um die schwächere Binnennachfrage zu kompensieren und ob es gelingt, weitere Haushaltskrisen zu vermeiden.

US-Notenbank stochert im Datennebel

Die US-Notenbank (Fed) steuert ihre Geldpolitik derzeit im Blindflug. Durch den vorangegangenen Regierungs‑Shutdown wurden wichtige Konjunkturindikatoren wie Arbeitsmarktberichte und Inflationsdaten verzögert oder teils gar nicht veröffentlicht. Für die Fed bedeutet das: Sie muss über den weiteren Zinskurs entscheiden, ohne auf ein vollständiges Datenbild zurückgreifen zu können. Das erhöht die Unsicherheit und hat die vom Markt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Dezember deutlich gesunken. Im Oktober hatte die Fed bereits die Zinsen um 25 Basispunkte gelockert und zugleich signalisiert, künftig vorsichtiger vorzugehen. Während das zentrale Fed‑Gremium stärkeren Handlungsdruck sieht, plädieren mehrere Präsidenten der regionalen Notenbanken eher für ein Abwarten, solange die Inflationsrate noch klar über dem 2-Prozent-Ziel liegt. Angesichts erhöhter Risiken für den Arbeitsmarkt bei gleichzeitig zu hoher Inflation sind diese Meinungsunterschiede nachvollziehbar. Trotz der internen Debatten gehen wir davon aus, dass die Fed auf ihrer letzten Sitzung des Jahres den Leitzins um 25 Basispunkte senken wird und damit das Thema des schwächeren Arbeitsmarktes höher gewichtet als die Inflation. Für 2026 rechnen wir mit weiteren, aber vorsichtigen Zinssenkungen der Fed. Der Weg dorthin wird jedoch datengetrieben geprägt sein.

Korrektur oder Trendwende im Technologiesektor?

Der Rückenwind für Technologie- und KI-Aktien hat zuletzt spürbar nachgelassen. Nach einer monatelangen Rallye setzten an den internationalen Börsen zunehmend Gewinnmitnahmen ein. Besonders Technologie-Werte aus den USA gerieten unter Druck, da Investoren einerseits eine Überbewertung im Sektor fürchten und andererseits die Hoffnungen auf weitere Zinssenkungen der US-Notenbank im Dezember deutlich geschrumpft sind. Kurzfristig dominiert damit Risikoaversion, obwohl die Fundamentaldaten weiterhin solide sind. Trotz dieser Korrektur spricht aus unserer Sicht wenig für eine „KI-Blase“. Die Bewertungen sind zwar hoch, bewegen sich im historischen Vergleich aber nicht in extremen Regionen und werden vor allem durch eine dynamische Gewinnentwicklung gestützt. Viele führende börsennotierte KI- und Technologiekonzerne erwirtschaften so starke laufende Mittelzuflüsse, dass sie ihre milliardenschweren Investitionsprogramme weitgehend aus dem operativen Geschäft finanzieren können. Die Abhängigkeit von Fremdkapital bleibt damit überschaubar und unterscheidet die aktuelle Phase klar von früheren Übertreibungsphasen. Das zentrale Risiko liegt unserer Meinung nach weniger in einem abrupten Ende des KI-Trends. Kritischer wären spürbare Anpassungen der Gewinnerwartungen, falls sich das hohe Investitionstempo im Sektor deutlich verlangsamen sollte. Bislang signalisieren jedoch umfangreiche Investitionsankündigungen und ein weiterhin aufnahmefähiger Kapitalmarkt keine schnelle Abkühlung. Ein prägnantes Beispiel lieferte erst neulich ein führender Anbieter von KI-Chips. Mit einem überproportionalen Umsatzanstieg im dritten Quartal und sehr starken Ergebnissen im Daten-Center-Geschäft unterstreicht das Unternehmen die anhaltend hohe Wachstumsdynamik im KI-Segment. Diese Zahlen nähren das Vertrauen, dass Investitionen in KI-Infrastruktur und entsprechende Software weiterhin Wertschöpfung generieren und positive Impulse für den gesamten Technologiesektor setzen. Langfristig sprechen mehrere strukturelle Faktoren dafür, dass US-Technologieaktien den breiten Markt weiterhin übertreffen können. Dazu zählen der stetig steigende Rechenbedarf durch KI-Anwendungen, der weitere Ausbau von Cloud-Computing sowie der Trend zur Automatisierung von Industrie- und Dienstleistungen. Hinzu kommt ein erwartetes überdurchschnittliches Gewinnwachstum im Sektor. Insgesamt gehen wir daher davon aus, dass sich die Gewinnentwicklung der US-Unternehmen überwiegend positiv entwickeln sollte, gestützt durch ein moderates US-Wirtschaftswachstum. Eine Rezession halten wir derzeit für weniger wahrscheinlich, zumal die Fed voraussichtlich mit behutsamen Zinssenkungen gegensteuert. In einem solchen Umfeld dürfte die Risikobereitschaft der Anleger weitgehend intakt bleiben und ein günstiges Klima für weiter steigende Aktienkurse bestehen.

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