Autor: Sören Wiedau
Finanzmarkt aktuell per 15. Mai 2026
Sören Wiedau, CEFA, Portfoliomanager
Die internationalen Finanzmärkte zeigen sich aktuell bemerkenswert widerstandsfähig. Trotz eines der stärksten Energieschocks der vergangenen Jahrzehnte notieren insbesondere die US-Aktienmärkte nahe ihrer Allzeithochs. Gleichzeitig steigen die Ölpreise, langfristige Zinsen ziehen an und die geopolitischen Spannungen im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt sowie der Straße von Hormus halten an. Jüngst wurden Vorschläge zur Beilegung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran als inakzeptabel zurückgewiesen, was die Hoffnungen auf eine rasche Entspannung spürbar gedämpft hat. Welche Implikationen sich aus diesem Spannungsfeld für Investoren ergeben, beleuchten wir in der aktuellen Ausgabe von „Finanzmarkt aktuell“.
USA und Europa: Zwei Wirtschaftsräume, zwei Realitäten
Die US-Wirtschaft präsentiert sich im zweiten Quartal 2026 trotz hoher Energiepreise bemerkenswert robust. Das liegt vor allem daran, dass sie heute deutlich weniger energieintensiv ist als früher und stärker von Dienstleistungen und Technologie geprägt wird. Darüber hinaus profitieren die USA von ihrer Rolle als bedeutender Energieproduzent, was die gesamtwirtschaftlichen Belastungen durch steigende Ölpreise abfedert. Ein zentraler Wachstumstreiber ist derzeit der Investitionsschub im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Der Ausbau von Rechenzentren sowie Software und Strominfrastruktur wirkt wie ein privatwirtschaftliches Konjunkturprogramm und stützt die Unternehmensgewinne. Risiken bestehen jedoch weiterhin auf der Konsumseite, da viele Haushalte ihre Ersparnisse weitgehend aufgebraucht haben und der Arbeitsmarkt an Dynamik verliert. Insgesamt erwarten wir ein moderates Wachstum sowie eine „weiche Landung“ der US-Wirtschaft. Europa steht vor größeren Herausforderungen, da die Abhängigkeit von Energieimporten höher ist und der positive Auftrieb durch Technologieunternehmen geringer ausfällt. Steigende Energiepreise treffen Industrie und Verbraucher diesseits des Atlantiks direkter. Anstelle eines abrupten Einbruchs erwarten wir eine längere Phase schwachen Wachstums bei gleichzeitig erhöhter Inflation. Dieses Umfeld belastet die Margen und schränkt den geldpolitischen Handlungsspielraum ein. Gleichwohl bestehen auch in Europa Chancen durch steigende Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Zudem könnten potenzielle Entlastungen bei Energiepreisen oder Lieferketten einen Nachholeffekt auslösen. Ohne entsprechende Entspannung bleibt Europa jedoch strukturell im Nachteil gegenüber den USA.
Das Ende der Hoffnung auf schnelle Zinssenkungen?
Die US-Notenbank steht vor einem schwierigen Balanceakt. Der Arbeitsmarkt verliert an Dynamik, während die Inflation wegen hoher Energiepreise hartnäckig bleibt. Dadurch sind Erwartungen an baldige Zinssenkungen unsicherer geworden. Dennoch sprechen mehrere Gründe für Lockerungen im weiteren Jahresverlauf. Die abkühlende Konjunktur und die verzögerte Wirkung der bisherigen Zinsschritte legen eine Entspannung nahe, um die Wirtschaft nicht zu stark zu bremsen. Voraussetzung ist, dass der Energiekostendruck nicht auf Löhne und Dienstleistungen übergreift. Bleibt der Preisanstieg vorübergehend, sind aus unserer Sicht Zinssenkungen wahrscheinlich. Hält der Inflationsdruck an, dürften die Zinsen länger hoch bleiben. In Europa ist die Lage komplexer. Schwächeres Wachstum trifft auf eine stärker energiegetriebene Inflation. Die Gefahr steigender Preise und Löhne verstärkt den Handlungsdruck der Zentralbank. Daher erwarten wir bis zum Jahresende zwei Zinserhöhungen. Bleibt die Inflation hoch, ist eine noch restriktivere Politik möglich. Für die Anleihemärkte bedeutet dieses Umfeld anhaltende Unsicherheit. Inflationsrisiken und hohe Staatsverschuldung führen dazu, dass Investoren insbesondere bei längeren Laufzeiten höhere Risikoaufschläge verlangen. Kurzlaufende Anleihen erscheinen vor diesem Hintergrund attraktiver, da sie vergleichsweise stabile Renditen bei geringerer Volatilität bieten.
Gewinnwachstum schlägt Geopolitik
Die globalen Aktienmärkte zeigen sich weiterhin erstaunlich robust. Trotz geopolitischer Spannungen im Nahen Osten sowie hoher Ölpreise und gestiegener Anleiherenditen konnten zentrale US-Indizes wie der S&P 500 und der Nasdaq neue Höchststände erreichen. Diese Entwicklung ist vor allem Ausdruck eines sehr starken Gewinnumfelds, das die makroökonomischen Risiken derzeit überlagert. Im S&P 500 lag das Gewinnwachstum im ersten Quartal bei rund 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei mehr als 80 Prozent der Unternehmen die Analystenerwartungen übertreffen konnten. Der wichtigste Treiber bleibt der Technologiesektor. Vor allem der Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz sorgt weiterhin für Rückenwind. Große US-Rechenzentrumsbetreiber investieren in hohem Tempo in Cloud-Kapazitäten und KI-Infrastruktur, und vieles spricht dafür, dass diese Dynamik bis weit in das Jahr 2026 anhält. Davon profitieren nicht nur die großen Technologieunternehmen selbst, sondern auch Halbleiterhersteller, Versorger und Infrastrukturunternehmen. US-Aktien bleiben deshalb unsere bevorzugte Region. Sie verbinden eine hohe Gewinndynamik mit einer vergleichsweise geringen Abhängigkeit von steigenden Energiepreisen. Die Bewertungen sind anspruchsvoll, erscheinen mit Blick auf das starke Gewinnwachstum aber weiterhin vertretbar. Europa bietet ein gemischteres, aber keineswegs unattraktives Bild. Die Bewertungen sind im Vergleich zu den USA günstiger und schaffen damit eine solide Ausgangsbasis für langfristige Anleger. Zwar bremsen höhere Energiepreise und eine verhaltene Konjunktur aktuell die Dynamik, zugleich eröffnet genau dieses Umfeld Spielraum für positive Überraschungen, falls sich Energiepreise und Konjunkturdaten in den kommenden Quartalen stabilisieren. Insgesamt bleibt das Umfeld für Aktien aus unserer Sicht freundlich. Die Gewinne entwickeln sich stark, die Investitionen in künstliche Intelligenz sorgen für zusätzlichen Schwung und die Konjunktur zeigt sich vor allem in den USA stabiler als oft erwartet. Besonders US-Aktien profitieren von dieser Kombination aus Innovation, Wachstum und Ertragskraft.
Haftungsausschluss:
Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation haben wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.
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