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Halb volles Glas für die USA, halb leeres für Europa und China.

Hohe Kapazitätsauslastung und volle Lager, was denn nun?
Hurra, es wird wieder Zinsen geben, wenn der Schmerz anfängt nachzulassen.
Zwischen den Welten aus Inflation, Geldpolitik und Bewertungskennzahlen.

 

Autor: Björn Hallex
Finanzmarkt aktuell per 10. Juni 2022
Björn Hallex, CEFA / CIIA, Portfoliomanager

Björn Hallex

Ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Wie so oft eine Frage der Perspektive. Sicherlich ist nicht abstreitbar, dass es heftigen Gegenwind gibt. Wir kennen die vielbeachteten Themen der letzten Monaten rund um COVID-19, Geopolitik, Inflation, Lieferketten, Notenbankpolitik und die Frage nach der weiteren Wirtschaftsentwicklung. Nur weil es heftig windet, muss es allerdings nicht heißen, dass es stürmt, um im Bilde zu bleiben. Wie wir die aktuelle Lage an den Kapitalmärkten einschätzen, lesen Sie im heutigen Finanzmarkt aktuell.

Hohe Kapazitätsauslastung und volle Lager, was denn nun?

Kapitalmarktbeobachter reiben sich verwundert die Augen. Zumindest in den USA arbeitet die Industrie mit einer hohen Kapazitätsauslastung. Die Industrie läuft trotzt Lieferkettenthematik also gut, und auch der Konsument, eine wichtige Stütze der US-Wirtschaft, gibt sich noch ausgabenfreudig. Damit dürfte für die USA das Wachstumsbild eher das halb volle Glas widerspiegeln. Für Europa und erst recht für China zeichnet sich ein Bild eines mindestens halb leeren Glases ab. Unser Sammelindikator für das europäische Wirtschaftsumfeld signalisiert lediglich eine Wachstumsrate zwischen 1,00%-1,50% für die Eurozone in diesem Jahr und liegt damit deutlich unter den Schätzungen anderer Volkswirte. Nur zum Vergleich: Am Jahresanfang lagen die Prognosen noch bei 4,50%. Für China ist das Glas wohl eher leer. Ob es durch fiskalpolitische oder geldpolitische Maßnahme wieder etwas gefüllt werden kann, bleibt fraglich. Bisher liegt das Fiskaldefizit, welches zur konjunkturellen Unterstützung als Maßstabsindikator genommen werden kann, unter dem Niveau aus dem Jahr 2020, und auch die Zinsen für Hausbauer verbleiben auf erhöhtem Niveau. Es sieht derzeit nicht nach einer deutlichen Unterstützung seitens der chinesischen Führung aus. In Summe gehen wir von einem schwächeren Wachstum der Weltwirtschaft, aber von keiner Rezession in diesem Jahr aus.

Hurra, es wird wieder Zinsen geben, wenn der Schmerz anfängt nachzulassen.

Die Entwicklung am Anleihemarkt seit Jahresanfang zeigt recht eindeutig, dass sich die Marktteilnehmer auf ein erhöhtes Zinsniveau einstellen. Eingepreist wird für das nächste halbe Jahr eine Erhöhung des Einlagensatzes der europäischen Zentralbank (EZB) um 1,20%! Um es klarer auszudrücken bedeutet dies, ausgehend vom aktuellen Niveau, eine Veränderung von aktuell -0,50% auf dann +0,70% zum Jahresende und das, obwohl die Inflationserwartungen nicht weiter zugelegt haben. Für den Leitzins in Europa, der aktuell bei 0,00% liegt, bedeutet dies, dass wir dann eine Eins vor dem Komma sehen würden! Entsprechend haben die Renditen ebenfalls deutlich angezogen. Mit dem von uns gezeichneten Konjunkturbild steht diese Entwicklung nicht im Einklang. In unseren Augen wird das wirtschaftliche Umfeld nur ungenügend berücksichtigt. Stärker wird unser Wirtschaftsausblick hingegen bei Unternehmensanleihen abgebildet. Die Risikoaufschläge im Unternehmensanleihebereich guter Bonitäten haben im Laufe des Jahres zugelegt und liegen auf einem Niveau, welches wir im Jahr 2018 in einer ähnlichen Situation wie heute gesehen haben. Sie befinden sich aber deutlich unter den Niveaus der Finanzkrise des Jahres 2008. In einem Szenario, in dem eine tiefe Rezession vermieden werden kann, spiegeln die Unternehmensanleihen somit unser Konjunkturbild besser wider. Aufgrund der zunehmenden Divergenz zwischen Renditeentwicklung und Wirtschaftsausblick sehen wir Opportunitäten bei deutschen und französischen Staatsanleihen und bauen in diesem Segment schrittweise eine taktische Position auf.

Zwischen den Welten aus Inflation, Geldpolitik und Bewertungskennzahlen.

Und auch der Aktienmarkt wird dominiert vom Thema Inflationsentwicklung und Geldpolitik. So konnten gerade Unternehmen aus den Branchen Grundstoffe, Energie und Telekommunikation im aktuellen Umfeld eine bessere Entwicklung im Vergleich zu zyklischeren Branchen wie Luxusgüter, Industrie und zuletzt auch Banken verzeichnen. Weiterhin ist deutlich sichtbar, dass vorwiegend klein kapitalisierte Unternehmen, die sogenannten Small Caps, gemieden werden. Sie leiden stärker in einem schwachen Wirtschaftsumfeld. Blicken wir bei den großen viel beachteten Indizes, wie den S&P 500 oder auch den Euro Stoxx 50, auf Bewertungskennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis, dann sind die Bewertungen zum Teil deutlich gefallen. Zum einen, da es seit Jahresanfang zu Kursrückgängen im zweistelligen Bereich gekommen ist und zum anderen, da die Gewinnentwicklung weiterhin positiv war. Unternehmen konnten zum überwiegenden Teil höhere Kosten an den Endkunden weiterreichen. Zu bedenken ist jedoch, dass Gewinnsteigerungen vor allem in den Branchen Energie und Grundstoffe sowie den Technologiewerten zu verzeichnen war. Damit ist das Bild anhand der Bewertungskennzahlen auf Gesamtmarktebene nicht so eindeutig wie es scheint. Vor diesem Hintergrund ist weiterhin eine aktive Selektion entscheidend für den Anlageerfolg. Wir präferieren Aktien aus den Branchen Technologie, Energie, Grundstoffe, Telekommunikation und Pharma. Eine insgesamt defensivere Haltung scheint weiter angebracht. Jetzt müssen die Unternehmen erstmal bestätigen, dass sie die hohen Erwartungen an die Gewinnentwicklung auch zukünftig erfüllen werden können.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation haben wir entweder selbst angestellt oder aus von uns als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt können wir für die Richtigkeit unserer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

Ansprechpartner für Journalisten:

Pressesprecher Robert Heiduck, (030) 8 97 98 - 388

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