© Sven Hegermann
Als die Ideale eines Architekten und die Aufbruchstimmung der Wendezeit in einem brandenburgischen Dorf aufeinandertrafen, entstand mit der Lebens Gemeinschaft Rohrlack ein Paradebeispiel für integratives Leben.
Vier Straßen, lauschige Linden, ein Gasthof und eine Kirche – dass hier Innovation wartet, vermutet wohl niemand. Doch das Dörfchen Rohrlack mit seinen 160 Einwohnerinnen und Einwohnern, nordwestlich von Berlin gelegen, hat mit dem Einsatz vieler Köpfe und Hände etwas geschaffen, das bleibt: In Rohrlack und dem Nachbarort Vichel leben und arbeiten junge Männer und Frauen mit Beeinträchtigungen, und zwar ganz bewusst als Teil der Dorfgemeinschaft, integriert statt ausgegliedert.
Alles begann mit dem Architekten Eckhardt Feddersen, dessen Schwerpunkt in Projekten für behinderte Menschen liegt. „Mein Vater baute noch nach dem Krieg für ‚Versehrte‘, speziell für Gehörlose.“ Heute strebt Feddersen nach der Schaffung einer größeren Wohnlichkeit in institutionellen Einrichtungen – sein Motto: „Kein Schwein will ins Heim.“ Es geht ihm um Lösungen, die für alle Menschen gleichermaßen funktionieren und ein breites, buntes und nachhaltiges Zusammenleben ermöglichen. „Architektur kollidiert häufig mit dem Alltag, ganz egal ob wir von Zugang für Kinderwagen, von Sturzgefahren, vom Alter oder vom Anlieferbetrieb sprechen.“
Das ist in Rohrlack gelungen. 1992 lernte Feddersen über einen Bauherrn die Bürgermeisterin des Ortes kennen, die sich darum bemühte, leer stehende und im Besitz der Treuhand befindliche Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. Nachdem die Dorfgemeinschaft sich demokratisch für einen inklusiven Nutzen entschieden hatte, konnte sie Feddersen – wie gemacht für dieses Projekt – ins Boot holen. Der kaufte zunächst den alten Gutshof und stellte ihn in den Mittelpunkt des Projekts. Nach kurzer Zeit konnte der Elternverein der Zehlendorfer Parzival-Schule zur Absicherung des Projekts gewonnen werden. Ein Ehepaar aus Nürnberg sanierte den sogenannten Sternhof in Lehmbauweise, und ab 1996 entstanden im Dorf nach und nach drei Wohneinheiten für je acht Bewohnerinnen und Bewohner sowie eine Betreuungsperson. „Diese Häuser stehen nicht ohne Grund im Ort verteilt. Ein kleines Dorf verträgt nur kleine Einheiten. Die Integration gelingt besser, wenn wir miteinander leben, nicht nebeneinander“, erklärt Feddersen seinen Planungsansatz. Hinzu kam ein Wirtschaftsgebäude als Werkstatt.
Im Nachbarort Vichel entstand mit dem Elisabeth-Vreede-Haus das bisher letzte Wohngebäude der LebensGemeinschaft Rohrlack-Vichel. Insgesamt haben dort 39 Menschen einen Platz gefunden, an dem sie trotz ihres Assistenzbedarfs losgelöst vom Elternhaus ein strukturiertes Erwachsenenleben leben können. Jeder Tag beginnt gemeinsam in der Wohngruppe, im Anschluss geht es an die Arbeit. In der Gärtnerei werden Kräuter gepflanzt und verarbeitet, die in Tees oder Gewürze wandern. In der Tischlerei entstehen Holzarbeiten, Gebrauchsmöbel und Marktstände, auch Landschaftspflege- oder Reparaturaufträge werden übernommen. Mittags treffen sich alle in der Hauswirtschaft, wo ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner ein abwechslungsreiches Mittagessen kocht. Nach Feierabend beginnt – genau wie anderswo auch – die individuell gestaltete Freizeit. Es gibt einen Chor und Reitmöglichkeiten, auch Therapieangebote finden Raum, immer wieder werden Feste gefeiert. Nicht zuletzt deshalb wird die LebensGemeinschaft in einer Chronik des Ortes als „Jungbrunnen für das Dorf“ beschrieben.
„Wir leben hier nicht neben-, sondern miteinander“, sagt Geschäftsführerin Annegret Koch, die seit 2005 in Rohrlack lebt. „Was von Anfang an richtig gemacht wurde, war die Einbindung der Menschen im Ort. Es war wichtig, das alles gemeinsam aufzubauen. So wurde eine hohe Akzeptanz erreicht, von der wir bis heute profitieren.“ Dieses Zusammen hat auch Fabian Pannitschka, ihren Mitstreiter in der Geschäftsführung, begeistert, als er 2017 für ein Adventswochenende nach Rohrlack kam. Ein Bewohner fragte den studierten Theaterpädagogen, wann er denn wiederkomme. „Also habe ich schon Silvester eine Hospitanz begonnen und im Folgejahr hier im Betreuungsdienst gestartet.“
Das ist es wohl, was allen hier gemein ist: Die LebensGemeinschaft Rohrlack-Vichel bedeutet für jeden, die mit ihr in Berührung kommt, eine Veränderung – ein Miteinander, Bewegung und Ideen. So glaubt man Eckhard Feddersen sofort, wenn er sagt: „Rohrlack ist niemals fertig.“ Vielleicht werden in naher Zukunft Palliativplätze geschaffen. Oder Kleintierställe, vielleicht ein Wäldchen. In jedem Fall wird es nicht langweilig in der Ostprignitz – allen Klischees über die Region entgegen.
Text: Anne Rudelt
Datum: Oktober 2025
Das könnte Sie interessieren:
Exzellente Führung: ein Versprechen der Weberbank
Was macht eine Privatbank zukunftsfähig? Für uns ist die Antwort klar: exzellente Führung. Denn sie verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit menschlicher Qualität. Wie wir Führung mit Haltung leben, Potenziale entfalten und gemeinsam weiterentwickeln.
Berlin als Drehscheibe für zirkuläres Bauen – Wunsch oder Wirklichkeit?
Gebäude und ihre Materialien im Sinne einer Kreislaufwirtschaft zu nutzen ist eine große Chance. Zum Potenzial der Hauptstadt und den Herausforderungen beziehen fünf Vertreter aus Berlins Immobilienwirtschaft Position.
Digitale Kunst zum Anfassen
Die Berliner Galerie OFFICE IMPART schafft hybride Ausstellungsräume, um virtuelle Arbeiten erlebbar zu machen. Ein Gespräch mit Gründerin Johanna Neuschäffer über die Chancen, den Kunstmarkt mitzugestalten
Wir verwenden Cookies, die unbedingt erforderlich sind, um Ihnen unsere Website zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie Ihre Zustimmung erteilen, verwenden wir zusätzliche Cookies, um zum Zwecke der Statistik (z.B. Reichweitenmessung) und des Marketings (wie z.B. Anzeige personalisierter Inhalte) Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website zu verarbeiten. Hierzu erhalten wir teilweise von Google weitere Daten. Weiterhin ordnen wir Besucher über Cookies bestimmten Zielgruppen zu und übermitteln diese für Werbekampagnen an Google. Detaillierte Informationen zu diesen Cookies finden Sie in unserer Erklärung zum Datenschutz. Ihre Zustimmung ist freiwillig und für die Nutzung der Website nicht notwendig. Durch Klick auf „Einstellungen anpassen“, können Sie im Einzelnen bestimmen, welche zusätzlichen Cookies wir auf der Grundlage Ihrer Zustimmung verwenden dürfen. Sie können auch allen zusätzlichen Cookies gleichzeitig zustimmen, indem Sie auf “Zustimmen“ klicken. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit über den Link „Cookie-Einstellungen anpassen“ unten auf jeder Seite widerrufen oder Ihre Cookie-Einstellungen dort ändern. Klicken Sie auf „Ablehnen“, werden keine zusätzlichen Cookies gesetzt.