Wohnzimmer mit zwei roten Hockern mit goldverzierten Beinen, einem weißen Sofa, einem roten Teppich, einem grünen Sessel, einem Stehlampenständer und einem großen Gemälde an der Wand.

„Figure Flesh in Environment“ von John Baldessari, 1990, Color photos, vinyl, acrylic

Die Brückenbauerin – Sammeln als Lebensform

Die Sammlerin Brigitte Trotha lädt zu einem ganz persönlichen Besuch in ihr Zuhause ein. Zu Gast an einem Ort, an dem man sich in Kunst, Design und der Wärme eines sonnigen Berliner Nachmittags wunderbar verlieren kann

Brigitte Trothas Weg zur Kunst begann durch eine Begegnung, die ihr Leben prägen sollte. Mit 19 lernte sie die Tante ihres zukünftigen Mannes kennen, eine bedeutende Sammlerin im Rheinland: „Zwischen uns entstand sofort eine große Nähe. Sie nahm mich mit zu Künstlerbesuchen, erklärte mir Kunst und lebte mir diese Leidenschaft vor. Durch sie habe ich gelernt, Kunst nicht nur anzuschauen, sondern mit ihr zu leben.“ Aus Interesse wurde bald Leidenschaft, später Profession: Trotha studierte in New York Philosophie und Kunstgeschichte, eröffnete eine Galerie in Frankfurt und arbeitet heute in Berlin als Art Advisor. 

Die Sammlung, die die rheinländische Sammlerin ihr vererbte, umfasste vor allem deutsche und amerikanische Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre. Trotha wollte sie lebendig halten und weiterentwickeln. 1990 kaufte sie auf der Art Basel zum ersten Mal selbst eine Arbeit – ein Werk des italienischen Künstlers Alighiero Boetti. Von da an entwickelte sich ihr persönlicher Blick stetig weiter. Trotha sammelt nicht nach starren Kategorien: „Ich vertraue meinem Bauchgefühl. Mein Auge ist über die Jahre trainiert worden. Qualität kann man epochenübergreifend mischen – das macht eine Sammlung doch erst spannend.“ 

An guter Kunst sieht man sich auch nie satt. Man entdeckt immer wieder etwas Neues darin, sagt Brigitte Trotha, Sammlerin.
Brigitte von Trotha mit hochgestecktem blonden Haar sitzt auf einem violetten Sofa vor einem großformatigen abstrakten Gemälde mit grünen, gelben und rosa Farbtönen.

In ihrer Wohnung hängen zeitgenössische Arbeiten neben Klassikern von Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Hofer. Wichtig ist ihr dabei die emotionale Berührung: „Schönheit allein reicht nicht. Ein Werk muss etwas öffnen, etwas auslösen. An guter Kunst sieht man sich auch nie satt. Man entdeckt immer wieder etwas Neues darin.“ Ebenso zentral ist für sie die Beziehung zu lebenden Künstlerinnen und Künstlern – zeitgenössische Kunst bedeutet für Brigitte Trotha Dialog, Austausch und Nähe. Sie besucht Ateliers, organisiert Begegnungen und versteht sich selbst als Brückenbauerin. Seit ihrem Umzug nach Berlin im Jahr 2012 ist sie eng mit der hiesigen Kunstszene verbunden. „Es gibt hier eine unglaubliche Offenheit und Lebendigkeit. Künstler, Sammler, Kuratoren – alle begegnen sich. Ich bringe gern unterschiedliche Menschen zusammen, und Berlin ist für mich eine der inspirierendsten Kunststädte überhaupt.“

Angehenden Sammlerinnen und Sammlern rät Trotha, sich nicht einschüchtern zu lassen: „Kunst ist viel einfacher, als viele denken. Man muss nur bereit sein hinzusehen und sich darauf einzulassen. Und man muss nicht mit großen Summen anfangen. Wichtig ist, dass man mit den Werken leben möchte.“ Werke junger Künstlerinnen und Künstler zu kaufen könne besonders erfüllend sein: Man unterstütze ihre Entwicklung und lebe gleichzeitig mit einer spannenden Arbeit. Für Trotha ist Sammeln keine Frage von Festlegungen oder Definitionen. Ob jemand nur eine Richtung sammle oder breit und intuitiv vorgehe – entscheidend sei, dass Kunst Substanz habe, statt bloß dekorativ zu gefallen.

Ihre Sammlung versteht Trotha nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als fortlaufende Geschichte. Sie kauft weiter, verkauft gelegentlich, um Neues erwerben zu können, und bleibt neugierig auf junge Positionen. Wenn Trotha auf ihren Weg zurückblickt, sieht sie vor allem das Glück, einer Frau begegnet zu sein, die ihr die Kunst nahegebracht hat. Von Frau zu Frau wurde nicht nur die Freude am Sammeln weitergegeben, sondern auch eine Haltung: Großzügigkeit, Neugier und die Freude daran, andere teilhaben zu lassen. „Die Kunst ist ein Teil meines Lebens geworden. Nicht als Statussymbol, sondern als etwas Lebendiges. Jede Arbeit erzählt eine Geschichte, erinnert an Begegnungen oder bestimmte Lebensphasen. Das macht eine Sammlung für mich aus.“

Text: Christoph Horn 
Fotos: © Lilli Nass / https://www.lillinass.com/ 
Datum: Juni 2026

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