© Vincent Schneider
Jobst Schumacher (links) und Martin Eyerer
Auf dem Gelände eines ehemaligen Zigarettenwerks in Neukölln entsteht Europas größtes Innovationsprojekt für industrielle Transformation. Ein Gespräch mit den Machern über Visionen, Pragmatismus und die Zukunft der deutschen Industrie.
Wenn Jobst Schumacher und Martin Eyerer über ihr Projekt sprechen, wird schnell klar, dass es sich um kein gewöhnliches Immobilienprojekt handelt: Auf dem 150 000 Quadratmeter großen Gelände der ehemaligen Philip-Morris-Zigarettenfabrik in Berlin-Neukölln entsteht weit mehr als ein weiterer Gewerbekomplex. NLND Berlin, gesprochen „Neuland“, soll nichts Geringeres als Europas führendes Innovationsprojekt für die industrielle Transformation werden.
Schumacher, der als Projektverantwortlicher bei Philip Morris das Vorhaben leitet, hat in Zusammenarbeit mit dem Kreativunternehmer Martin Eyerer ein stimmiges Nutzungskonzept für das Gelände entwickelt: „Unser Anspruch ist es, zuerst in Betreiberkonzepten zu denken. Das geschieht sonst nicht immer.“ In der Konzepterarbeitung habe man erkannt, dass hier etwas „aus dem Blickwinkel einer Community und deren Bedürfnissen heraus entwickelt“ werden müsse. Denn was Philip Morris auf dem Neuköllner Gelände vorhat, ist die physische Manifestation eines radikalen Wandels. Die Zukunft sieht das Unternehmen in rauchfreien Produkten, insbesondere elektronischen Tabakerhitzern, die zum Beispiel unter der Marke Iqos vertrieben werden. „Philip Morris durchläuft den größten Transformationsprozess seiner über 150-jährigen Geschichte und ist heute mehr als ein reines Zigarettenunternehmen“, sagt Jobst Schumacher. „Im Rahmen unserer Transformation ist Innovation ein essenzieller Bestandteil. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, um zu verstehen, warum wir hier einen Innovationscampus entwickeln.“
© NLND Berlin
„Da ist ein Unternehmen, das jahrzehntelang ein Produkt hergestellt hat, das auf einem jahrhundertealten Konsumverhalten basiert“, erklärt Eyerer die Dimension des Wandels, „nämlich eine Pflanze zu trocknen, die man anzündet und inhaliert. Jetzt erfolgt die Transformation zu einem Produkt, das Mikroelektronik enthält – das ist ganz neutral gesehen ein irrer Prozess.“ Für Philip Morris ist NLND weit mehr als ein Prestigeprojekt. „Wir brauchen den NLND-Innovationscampus auch ganz intrinsisch für unsere eigenen Innovationen“, betont Schumacher. Das Konzept der „Open Innovation“ – offenes und transparentes Arbeiten mit verschiedenen Partnern aus Unternehmen, Universitäten und Start-ups – soll Prozesse beschleunigen. „Dadurch ist man einfach viel schneller.“
Die Hauptstadt bietet für diese Vorhaben ideale Voraussetzungen. Mit Zukunftsorten wie Adlershof und Buch hat Berlin bereits bewiesen, dass sich hier erfolgreich Wissenschaft und Wirtschaft verknüpfen lassen. „Das Zusammenbringen von Forschung mit der Industrie und Start-ups – das ist auch ein USP, den wir haben“, sagt Eyerer, der seit mehr als zehn Jahren Orte konzipiert und betreibt. NLND hebe sich allerdings durch seinen klaren Fokus ab: Robotik, Logistik, Manufacturing, Big Data, Cloud Computing – all das, was eine automatisierte und sich wandelnde Industrie braucht, soll hier unter einem Dach vereint werden. Ergänzt wird dies um den Themenbereich „Stadt der Zukunft“ mit Smart Buildings und Life Sciences.
Die Herausforderung liege darin, ein Ökosystem zu schaffen, das sowohl offen als auch geschützt ist. „Wir haben bestimmte Bereiche, die nicht offen sind“, erklärt Eyerer, „denn Unternehmen brauchen geschützte Räume, um an ihren Themen arbeiten zu können.“ Gleichzeitig sollen etwa 30 Prozent der Fläche öffentlich zugänglich sein – für Masterclasses, Nachbarschaftsangebote oder Sport.
Diese Balance zwischen Öffnung und Schutz spiegelt sich auch in der Auswahl der Mieter wider. „Wir schauen natürlich immer als Erstes: Wer ergibt in diesem Ökosystem Sinn, wer bringt einen Mehrwert und bekommt einen Mehrwert von uns?“, so Eyerer. Dabei folge das Team nicht nur rationalen Kriterien, sondern lasse Raum für das Unerwartete: „Dann gibt es immer noch diese zehn Prozent Secret Source, das ist die Gruppe von Menschen, die einfach für die Community wichtig sind.“ Die Sorge vor Gentrifizierung nehmen die Macher ernst, auch wenn sie sie für unbegründet halten. „Wir sind hier in einem geschützten Industriegebiet“, betont Schumacher. 70 Prozent des Projekts müssen sich um industrielle Themen kümmern – eine Vorgabe, die in enger Abstimmung mit den Berliner Behörden entstanden ist. Es gebe zwar gewerbliche Gentrifizierung, räumt Eyerer ein, aber die Selbstverpflichtung zu 70 Prozent Produktion soll sicherstellen, dass NLND nicht zu einem „Kulturquartier“ werde, sondern ein Ort industrieller Innovation – und Produktion – bleibe.
Bei aller Euphorie behalten die Macher den Boden unter den Füßen. „Wir haben unsere harten KPIs, die wir erfüllen wollen.“ Doch das Projekt sei „keine Profitmaschine“, sondern solle ein Leuchtturm werden, „der die Transformation in der Industrie ermöglicht“, sagt Schumacher. Diese Mischung aus Vision und Pragmatismus zeigt sich auch in der Herangehensweise an potenzielle Risiken. „Ich denke nie an Risiko“, sagt Eyerer. „Ich denke immer erst mal: wow, coole Chance, toll.“ Entscheidend sei die „gute Chemie zwischen den Menschen“ – ein Bauchgefühl, das am Anfang aller erfolgreichen Projekte stehe.
Dreieinhalb Jahre nach dem ersten Treffen zwischen Jobst Schumacher und Martin Eyerer nimmt das Projekt konkrete Formen an. Die Vision ist klar: In fünf Jahren soll man als Erstes „NLND Berlin“ sagen, wenn es um führende Innovationsprojekte für Industrie 4.0 und urbane Zukunftstechnologien in Europa geht. Das ambitionierte Ziel spiegelt wider, was viele deutsche Unternehmen derzeit beschäftigt: Wie gelingt der Sprung in die digitale Zukunft? Wie lassen sich traditionelle Industrien transformieren? NLND könnte eine Antwort auf diese Fragen werden – nicht nur für Philip Morris, sondern für die gesamte deutsche Industrielandschaft.
In Berlin, der Stadt der Transformationen, entsteht also ein Ort, der die Transformation treibt und verwirklicht. Auf den Fundamenten der alten Industrie wächst die neue – vernetzt, digital und offen für das, was kommt.
Text: Christoph Horn
Foto: Vincent Schneider
Datum: Oktober 2025
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