Die Bankiersgenerationen auf einen Blick – die Gemäldereihe ist Bestandteil der Dauerausstellung in der Jägerstraße.
In der Jägerstraße 51 in Mitte bewahrt ein ehrenamtliches Team das Vermächtnis einer außergewöhnlichen Familie: Die Mendelssohn-Gesellschaft macht Geschichte lebendig – zwischen barocken Mauern und aktuellen Debatten über Dialog, Toleranz und gesellschaftliche Verantwortung.
Der Innenhof wirkt wie aus dem Wohnmagazin, doch die dicken Bruchsteine im Keller verraten das wahre Alter. Hier stand das Stammhaus der Bankiersfamilie, die über fünf Generationen hinweg Berlins Wirtschaft, Kultur und Geistesleben mitprägte. 1815 zog Mendelssohn & Co. ein, expandierte in den folgenden Jahren auf mehrere Nachbarhäuser und wurde zur größten deutschen Privatbank. Bismarck holte sich bei Paul Mendelssohn-Bartholdy Rat, zum Beispiel vor dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864. Doch die wirtschaftliche Bedeutung war nur eine Facette. Im Musiksaal im ersten Stock des Familiensitzes in der Jägerstraße trat Clara Schumann am Piano auf, der Violinist Joseph Joachim spielte mit den Bankiers zusammen – und die Mendelssohns waren so virtuos, dass es für die Stars keine Qual war. Es entstand jene Mischung, die der Oxford-Professor Felix Gilbert später auf den Punkt brachte: „Bankiers, Künstler und Gelehrte“.
Die Mendelssohn-Gesellschaft entstand 1967 aus einer wissenschaftlichen Initiative heraus: Eine Urenkelin der Komponistin Fanny Hensel versammelte Forscherinnen und Forscher um sich, nachdem die Staatsbibliothek durch eine große Schenkung zur wichtigsten Sammlungsstätte für Mendelssohn-Dokumente geworden war. Nach der Wende bot sich die Chance, in die Remise des ehemaligen Bankhauses einzuziehen. Sie entwickelte sich zum heutigen Ausstellungs- und Veranstaltungsort, getragen von rund 60 Ehrenamtlichen. Viele Berlinerinnen und Berliner kennen von der Familie nur Fanny Hensels Bruder, den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, dabei ist ihre Vielfalt erstaunlich: von Moses Mendelssohn, dem Aufklärungsphilosophen, über die Bankiersgeneration bis zu Eleonora und Francesco, die in den 1920er-Jahren als wildes Geschwisterpaar, Schauspielerin und Cellist, durch Berlin zogen.
Die Ausstellung begann als Präsentation über die Bankiers, dann kamen Fragen des Publikums – etwa nach der Religion der Mendelssohns. Daraus entstanden „Themeninseln“. Besonders zentral: In der zweiten Generation teilte sich die Familie auf – zwei Kinder wurden evangelisch, zwei katholisch, zwei blieben jüdisch. Die Ringparabel in einer Familie. Was hielt sie zusammen? Die These lautet: eine Art Zivilreligion, die Verantwortung für die Gesellschaft. Symbol dafür ist der Kranich mit dem Stein, ein antikes Zeichen der Wachsamkeit, das die Mendelssohns auf Siegelringen und Grabsteinen führten.
Moses Mendelssohn, der als “armer, buckliger Fremder” 1743 nach Berlin kam, entwickelte einen starken Bürgersinn. Seine Nachkommen wurden zu führenden Akteurinnen und Akteuren des Bürgertums, liberal-konservativ, nie reaktionär. So setzte sich Franz von Mendelssohn in den 1920er-Jahren für die Weimarer Republik ein, bis 1933 die Entrechtung begann und die Nazis mit der „Arisierung“ begannen. 1938 hörte die Bank auf zu existieren. Die Deutsche Bank übernahm Aktiva und Passiva, das Haus ging ans Reichsfinanzministerium, später in DDR-Besitz, und wurde aufgestockt. Nach der Wende wurde es restituiert und verkauft, heute gehört es einem Hamburger Investmentfonds. Die Miete hat sich in 20 Jahren fast verdoppelt und nähert sich 100.000 Euro – das bisherige Geschäftsmodell gerät ins Wanken.
Es gibt keine öffentliche Förderung, manchmal Eintrittsgelder, vor allem Spenden und Einnahmen aus Gastveranstaltungen. Der Deutsche Anwaltsverein verleiht hier Preise, das Aspen Institut ist Stammgast. Mit rund 150.000 Euro jährlich ließe sich eine sichere Basis schaffen. Außerdem wäre nach 20 Jahren eine Erneuerung der Dauerausstellung nötig, doch angesichts der Existenzprobleme wird das verschoben. Zugleich versteht die Gesellschaft ihr Museum als Ort des Dialogs und Geschichtswerkstatt. In der Remise finden – in Anlehnung an die „Sonntagsmusiken“ Fanny Hensels – nicht nur Konzerte statt, sondern auch Lesungen, Vorträge, Diskussionsveranstaltungen. Nebenan ist der Verein meet2respect untergebracht, dessen Referentinnen und Referenten in Schulen das interreligiöse Gespräch suchen. Der Verein „Demokratie und Vielfalt“ macht Lehrerschulungen, der Jesuitenflüchtlingsdienst war zu Gast. Die Belebung des „Salongedankens“ bedeutet: über Grenzen von Alter und Religion hinweg zivilisiert zu kommunizieren.
Eine Lehrerin im Team entwickelt Unterrichtsmaterial zu Aufklärung und Zivilreligion, dennoch ist das Publikum bislang überwiegend bürgerlich und weiß. Man möchte diverser werden, mehr junge Menschen erreichen. Die Geschichte von Moses Mendelssohn, der als Fremder nach Berlin kam und mit seiner Familie dort Wurzeln schlug, bietet gerade für Menschen mit Migrationshintergrund Anknüpfungspunkte. Berlin hat diese Familie groß gemacht, und die Familie hat Berlin geprägt – eine Win-win-Geschichte. Es gibt wohl keine bürgerliche Familie in Deutschland, die in so vielen Bereichen über so viele Generationen hinweg Einfluss ausübte: von Philosophie über das Bankwesen bis zu Musik und Friedensforschung. Diese Vielfalt zu bewahren und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, ist der Auftrag der Mendelssohn-Gesellschaft. In einer Zeit brüchigen Zusammenhalts erinnert der wachsame Kranich an eine Haltung, die aktueller kaum sein könnte: Verantwortung für die Gesellschaft, über alle Grenzen hinweg.
Text: Christoph Horn
Fotos: © Manfred Fuß
Datum: März 2026
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