Julietta Scharf in der aktuellen Ausstellung der Sammlung Scharf-Gerstenberg, „Möglichkeiten einer Insel“
Die Sammlerin und Stifterin Julietta Scharf ist mit Kunst aufgewachsen. Im Interview spricht sie über den generationsübergreifenden roten Faden und ihre ganz persönliche Beziehung zum Kunstsammeln.
Die heutige Sammlung Scharf-Gerstenberg steht in einer langen Familientradition. Sie geht zurück auf Otto Gerstenberg, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Grundstock für eine der bedeutendsten Privatsammlungen Deutschlands legte. Sein Enkel Dieter Scharf erweiterte die ererbte Sammlung. 2001 gründeten er und seine Tochter Julietta eine Stiftung, in welche die Sammlung einging. Als Dauerleihgabe an die Staatlichen Museen zu Berlin erfreut sie heute im östlichen Stülerbau gegenüber Schloss Charlottenburg die Besucherinnen und Besucher, bis Anfang Mai mit der Ausstellung „Möglichkeiten einer Insel“.
Frau Scharf, die Sammlung Scharf-Gerstenberg vereint vier Generationen des Sammelns, erstreckt sich also über gesellschaftliche und kunsthistorische Zeiten großen Wandels. Welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Es gibt einen gewissen roten Faden, der sich von meinem Urgroßvater bis zu mir zieht. Mein Urgroßvater selbst war sehr an den gesellschaftskritischen Seiten des Lebens und deren künstlerischen Umsetzung interessiert. Schwerpunkte der Sammlung Gerstenberg lagen auf Goya, Daumier und Toulouse-Lautrec. Bei der Erbschaftsteilung 1962 konnten die beiden Brüder selbst entscheiden, und mein Vater hat sich, wie der Großvater, auch für das Medium der Grafik und für die dunkleren Seiten der Kunst interessiert. Mit seiner Entscheidung, sich zudem mit dem Surrealismus zu befassen – einer Kunstrichtung mit vielen schweren und fantastischen Aspekten in den Darstellungen –, wurde der Surrealismusbegriff in seiner Sammlung durch Werke von Giovanni Piranesi, Victor Hugo oder Odilon Redon, die jetzt hier im Museum zu sehen sind, erweitert.
Dieser rote Faden ist auch in meiner Sammlungstätigkeit erkennbar: Ich habe ein großes Interesse an der, wenn man es so nennen will, romantischdunklen Tradition in der Kunst, mit besonderem Blick auf die verborgenen Ängste und Spannungen der Gesellschaft, am Umgang mit dem Tod und an der Darstellung des Todes. Aber das Medium ist ebenfalls wichtig. So wie mein Vater und Urgroßvater bin auch ich fasziniert von Druckgrafiken und Papierarbeiten. Diesen Leitfaden, der durch vier Sammlergenerationen geht, kann man auch in der jetzigen Ausstellung „Möglichkeiten einer Insel“ wiedererkennen und erleben.
Wann hat Ihre persönliche Auseinandersetzung mit der Kunst begonnen?
Ich bin ja mit Kunst aufgewachsen. Unser Familienhaus hing von oben bis unten voll mit Bildern. Meine Eltern haben mit der Kunst gelebt, aber sehr privat. Leihgaben für Ausstellungen waren immer anonym. Ich habe Kunstgeschichte und Soziologie studiert und auch eine Ausbildung beim Auktionshaus Christie’s gemacht – allerdings habe ich sehr lange Zeit nicht den Impuls gehabt, selbst zu sammeln. Irgendwann habe ich mich auch der Verantwortung des Erbes gestellt, die Stiftungsgründung gab mir die Möglichkeit des Engagements für unsere Sammlung. Mit der Unterstützung meines Mannes und der Begeisterung der Leiterin der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Kyllikki Zacharias, erweitere ich sie. Wir haben einfach sehr viel Spaß daran, diese Sammlung im Sinne der surrealistischen Idee auszuweiten. Voriges Jahr habe ich die große Afrika-Figuren-Kollektion meines Vaters verkauft, wodurch Mittel entstanden sind, die mir mehr Freiraum geben, das Museum hier mitzugestalten und Ausstellungen zu ermöglichen. Mit dem inhaltlichen Bezug zwischen meiner Sammlung und der meines Vaters gibt es ein Kontinuum, denn die Werke, die ich sammle, werden auch in die Stiftung eingehen.
Was bedeuten Kunstsammeln und Kunstbesitzen für Sie persönlich?
Ohne Kunstwerke zu leben kann ich mir gar nicht vorstellen, obwohl ich auch auf ganz anderem Terrain unterwegs war und bin – wir sind Landwirte und züchten seit 15 Jahren Pferde. Kunst zu besitzen war für mich jahrzehntelang mit großen Bedenken behaftet. Ich habe also gern auch andere Dinge in meinem Leben gemacht. Generell habe ich eine klare Vorstellung davon, was ich suche, und wenn man dann etwas erwischt – das kann eine ganz kleine Grafik sein –, dann ist es sehr befriedigend, solch ein neues Puzzleteil einzusetzen. Also geht es nicht so sehr um das Haben, sondern um die Jagd darauf, etwas Bestimmtes hinzufügen zu können. Ein Teil meines Sammlungsinteresses geht auf Künstlerinnen und Künstlern des 16. und 17. Jahrhunderts zurück. Obwohl der Fokus eher auf historischen Werken liegt, befinden sich in der Stiftung und auch in meiner Sammlung wirklich bemerkenswerte zeitgenössische Positionen wie die von Fatoş Irwen, Alexandra Hendrikoff oder Kavata Mbiti. Ich kaufe auch nicht nach Namen, stattdessen gehe ich mit viel Intuition und Neugierde für Unbekanntes vor, und durch das lange Leben mit Kunst habe ich, denke ich, einen guten Blick.
Der Ausstellungstitel „Möglichkeiten einer Insel“ gibt viel Freiraum zur Interpretation. Aufgeteilt in zwölf Kapitel, bietet jeder Raum eine intime Auseinandersetzung mit den Werken. Wie kam es zu dieser Idee?
Der Titel ist durchaus ein Zufallsfund. Und dann haben wir gemerkt: Das kann man anwenden, indem man zeigt, dass Kunst in ganz unterschiedlichen Aspekten einen Inselcharakter haben kann. Eine Insel, um sich zurückzuziehen, um intime Dinge zu zeigen. Aber es kann eben auch Inseln geben, auf denen Themen behandelt werden wie die Auseinandersetzung mit dem Tod oder Outsider-Kunst, eine Insel, die ganz weit draußen liegt. Die Inselmetapher lässt sich sehr gut auf unsere umfassende, thematisch sehr diversifizierte Sammlung anwenden. Es geht nicht um eine chronologisch lineare Geschichte der verschiedenen Sammler, sondern um ein Angebot, in dem die Besucherin oder der Besucher sich selbst seine Inseln durch die Kunstwerke erdenken kann. Auch die Ausstellungsarchitektur ist eine ganz besondere: Sie evoziert eine Wohnung und schafft dadurch intimere Räume beziehungsweise Inseln, um nicht nur die Bilder zu sehen, sondern sie auch räumlich zu erfahren.
Interview von Nisha Merit von Carnap
Foto: © Paula Winkler / https://www.paulawinkler.com/, © Manusardi -Studio fotografico - Milano / Trinity Fine Art, Mailand, © Christie's, London
Datum: März 2026
Das könnte Sie interessieren:
Kompetenz für Stiftungen – Werte und Vermögen wahren
Die Betreuung und Vermögensverwaltung für Stiftungen, Kirchen und Vereine erfordert besondere Kompetenzen sowie ein tiefes Verständnis für die spezifischen Anforderungen dieser Institutionen.
Die Hoffnungsbauerin
Felicia von Reden will die Kinderwunschbehandlung revolutionieren. Ihr Start-up Ovom Care befähigt Ärztinnen und Ärzte, die Behandlungen mittels KI-Technologie zu individualisieren.
Zukunft aus Potsdam
Die aktuellen Entwicklungen am Wissenschaftsstandort Potsdam verbildlichen die Ambitionen der brandenburgischen Hauptstadt, noch mehr internationale Talente anzuziehen und sich bei Zukunftsthemen als Vordenker und Vorreiter klar zu positionieren.
Wir verwenden Cookies, die unbedingt erforderlich sind, um Ihnen unsere Website zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie Ihre Zustimmung erteilen, verwenden wir zusätzliche Cookies, um zum Zwecke der Statistik (z.B. Reichweitenmessung) und des Marketings (wie z.B. Anzeige personalisierter Inhalte) Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website zu verarbeiten. Hierzu erhalten wir teilweise von Google weitere Daten. Weiterhin ordnen wir Besucher über Cookies bestimmten Zielgruppen zu und übermitteln diese für Werbekampagnen an Google. Detaillierte Informationen zu diesen Cookies finden Sie in unserer Erklärung zum Datenschutz. Ihre Zustimmung ist freiwillig und für die Nutzung der Website nicht notwendig. Durch Klick auf „Einstellungen anpassen“, können Sie im Einzelnen bestimmen, welche zusätzlichen Cookies wir auf der Grundlage Ihrer Zustimmung verwenden dürfen. Sie können auch allen zusätzlichen Cookies gleichzeitig zustimmen, indem Sie auf “Zustimmen“ klicken. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit über den Link „Cookie-Einstellungen anpassen“ unten auf jeder Seite widerrufen oder Ihre Cookie-Einstellungen dort ändern. Klicken Sie auf „Ablehnen“, werden keine zusätzlichen Cookies gesetzt.