Blick von oben auf das spiralförmige Treppenhaus des St. Oberholz mit rotem Teppich und Ansgar Oberholz, der in der unteren Etage auf einer Bank liegt

Die „Weber-Bank“ mit Ansgar Oberholz

In jeder Ausgabe geben uns Persönlichkeiten auf der „Weber-Bank“ Einblicke in ihr Leben. Sie zeigen uns einen Ort, der für sie eine besondere Bedeutung hat und an dem sie ihr Bank-Geheimnis mit uns teilen. 

Es gibt Orte, die alles gesehen haben. Der Balkon im zweiten Obergeschoss des St. Oberholz am Rosenthaler Platz ist so einer. Wer hier steht, schaut auf einen der urbansten Plätze Berlins hinab – fünf Magistralen, mehrere Straßenbahnlinien, Zugänge zur U-Bahn, das Gewimmel einer Stadt, die sich nie entscheidet, welche sie sein will. Genau darin liegt für Ansgar Oberholz der Reiz. Zusammen mit Koulla Louca hat er das Café 2005 gegründet, in einer Zeit, als am Rosenthaler Platz Billigläden, Nachtklubs und Imbissbuden das Bild prägten, als zwischen den Gleisen eine öffentliche Toilette stand und die Flächen ringsum brach lagen. Der Platz konservierte das Neunzigerjahre-Flair des Berliner Ostens noch, als der Rest der wiedervereinigten Stadt schon nüchtern wurde. „Es ist ein Missverständnis, dass Berlin sauber und aufgeräumt sein muss“, sagt Oberholz. Er meint das nicht nostalgisch, sondern strukturell.

Ansgar Oberholz kam 1992 von Trier nach Berlin. Den Zivildienst hatte der 20-Jährige hinter sich, nun stand er mit Seesack und großen Augen am Bahnhof Zoo: „Ich war fasziniert – du konntest einfach in ein leeres Ladengeschäft gehen und etwas aufmachen.“ Und so war’s, im traditionsreichen Aschinger-Gebäude eröffnete er St. Oberholz als eines der ersten Working-Cafés der Welt. Es wurde schnell zum Hotspot der digitalen Boheme mit Start-ups wie SoundCloud, prägte die Berliner Laptop- und Coworking-Kultur und wuchs auf mehrere Etagen. Heute umfasst Oberholz’ Unternehmen Coworking, Gastronomie und Consulting an mehreren Standorten.

Oberholz gilt als Pionier des „Dritten Orts“ zwischen Arbeit und Leben in Berlin. An demselben Ort, der heute Freelancer, Gründer und Venture-Capital-Firmen beherbergt, verabredeten sich vor 100 Jahren die Berlinerinnen und Berliner, um bei Aschingers konkurrenzlos günstiger Erbsensuppe Pläne zu schmieden, zu diskutieren oder zu flirten. „Dieser Platz funktioniert“, sagt Oberholz. „Er erfüllt die Berlin-Klischees – immer noch.“

Der Balkon ist sein Lieblingsort, weil er erlaubt, sich zu erinnern, was war, zu beobachten, was ist, und zu fantasieren, was entstehen wird. Berlin, findet Oberholz, sollte aufhören, erwachsen werden zu wollen. Es brauche Freiräume. Was die Stadt einmal starkgemacht hat – ungebundene Menschen, die etwas schufen –, war das Ergebnis von Leerstellen. Solche sind heute rar geworden. Aber wenn sie sich entdecken lassen, dann vom Balkon aus. Für die Weber-Bank ist er allerdings zu klein, deshalb wählte Ansgar Oberholz als Kulisse das Treppenhaus – Symbol ständiger Bewegung, wie der Rosenthaler Platz.

Text: Christian Bracht 
Foto: © Hahn+Hartung / https://www.hahn-hartung.com/ 
Datum: Juni 2026

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