Rasmus Rothe hat mit Merantix Capital eine der wichtigsten KI-Plattformen Europas geschaffen. Doch für ihn steht der Wandel erst am Anfang – mit großen Chancen für Europa.
Wenn Dr. Rasmus Rothe sich zum Merantix Campus aufmacht, treibt ihn keine abstrakte Vision, kein heroisches Narrativ an. „Eine ungelöste Frage fasziniert mich“, sagt er, ohne zu zögern. „Ich liebe es, Probleme zu lösen.“ Diese Klarheit zieht sich durch sein gesamtes Leben wie ein roter Faden – von den ersten neuronalen Netzwerken, die er mit 14 Jahren in Bremen trainierte, bis hin zu Merantix Capital, dem Unternehmen, das er vor zehn Jahren mitgegründet hat. Es zählt heute zu den wichtigsten Akteuren im europäischen KI-Ökosystem.
Der 36-jährige Unternehmer sitzt in seinem Büro auf dem Merantix Campus an der Grenze zwischen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg. Ein moderner Bau aus Glas und Beton, dessen Architektur auf Offenheit und Begegnung angelegt ist – mit weitläufigen Gemeinschaftsflächen, transparenten Bürolandschaften und Räumen, die zum Austausch einladen. 1.500 Menschen aus 100 verschiedenen Unternehmen arbeiten hier. „Ein zweites Zuhause“ nennt Rothe diesen Ort, „oder sogar mein erstes, weil ich hier wahrscheinlich die meiste Zeit verbringe.“ Es ist mehr als ein Co-Working-Space – es ist ein bewusst kuratiertes Ökosystem, in dem Start-ups, Forschung und Kapital physisch zusammenkommen. 350 Events finden hier jährlich statt, 100.000 Besucherinnen und Besucher strömen durch die Räume. An diesem Morgen erst hat Rothe ein KI- und Robotik-Frühstück mit 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern veranstaltet.
Dass Rothe heute an dieser Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft arbeitet, hat mit einer Beobachtung zu tun, die er während seiner Promotion machte. Er organisierte Hackathons an der Universität, bei denen Industriefirmen ihre Probleme einbringen konnten. „Mir wurde bewusst, wie groß die Lücke ist zwischen dem, was die Forschung kann – und die war vor zehn Jahren noch lange nicht so weit wie heute –, und dem, was in der Industrie angekommen ist.“ Diese Erkenntnis war prägend. Hinzu kam, dass aus seinem Forschungslabor bereits 15 Start-ups ausgegründet worden waren. Ein Aufenthalt in den USA öffnete Rothe schließlich die Augen für etwas anderes: „Das ganze Storytelling: Wie vermarktet man Sachen, wie denkt man groß, wie motiviert man Leute?“ Dieser Gedanke brachte den Stein ins Rollen: „Ich habe gelernt, dass die Leute da auch nur mit Wasser kochen. Was mich dann wiederum motiviert hat, hier in Europa etwas zu bauen.“ Doch die Entscheidung war keineswegs selbstverständlich. Rothe hatte sich Google angeschaut, die Beratung, verschiedene Optionen. Aber die Faszination für intelligente E-Systeme überwog. „Ich habe gemerkt, dass KI wahrscheinlich das größte Thema unserer Zeit ist, wenn es um Impact geht – in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, für die Einzelperson.“
Mit Adrian Locher, seinem Co-Founder, gründet er 2016 Merantix Capital mit einem klaren Ziel: KI als transformierende Technologie des Jahrhunderts in die Anwendung zu bringen – und zwar in Europa. Was als Struktur beginnt, entwickelt sich schnell zu einer Full-Stack-Plattform mit drei großen Säulen: erstens das Investment in Pre-Seed-Firmen und die Inkubation von Gründern, zweitens die Entwicklung von KI-Lösungen für Kunden aus Verwaltung, Life Sciences und Mittelstand. Die dritte Säule beinhaltet die Ökosystemarbeit mit dem Campus als physischem Zentrum. „Wir sind kein normaler Venturefonds und keine klassische Beratung“, sagt Rothe. „Weil es keinen klaren Blueprint für unsere Struktur gibt, ist es für mich manchmal schwierig, richtig zu priorisieren.“
Es ist einer der wenigen Momente im Gespräch, in denen der sonst so fokussierte Rothe eine persönliche Herausforderung anspricht: „Wie mache ich mich selbst skalierbar und werde nicht zum Bottleneck?“ Bei über 20 Portfoliofirmen, zahlreichen Initiativen und zusätzlich seiner neuen Rolle als Präsident des Bundesverbands KI – „ein Herzensthema“, wie er sagt – eine berechtigte Frage. Wenn sich der Co-Founder von Merantix Capital über Berlin als Tech-Standort äußert, schwingen sowohl Hoffnung als auch Frustration mit. „Wir haben eigentlich alle Grundlagen“, sagt er. Die einzige wirklich englischsprachige Stadt Deutschlands, günstiger als München, das größte Start-up-Ökosystem des Landes. „Aber ich finde es schade, dass das Thema gefühlt nicht so weit oben auf der Prioritätenliste steht.“ In München, Zürich oder Paris spüre man die fokussierte Arbeit viel deutlicher. „Genau das wäre hier auch möglich.“ In der Dezentralität Berlins sieht er ein Problem: „Hier werkelt jeder ein bisschen für sich selbst.“ Der Merantix Campus sei auch eine Antwort auf diese Fragmentierung gewesen. Er wurde so konzipiert, dass die Menschen andere Aktivitäten, Start-ups und Labs kennenlernen, von denen sie sonst nie erfahren hätten.
Zur europäischen Regulierungsdebatte äußert sich Rothe differenziert. Regulierung an sich schade nicht, aber: „Wir denken schon jetzt über Regulierung nach und über alle Eventualitäten, obwohl wir die Technologie noch gar nicht entwickelt haben.“ Der umgekehrte Weg wäre besser: erst bauen, dann bei Problemen nachsteuern. „Das Thema Cloud haben wir verschlafen. Jetzt zahlt jeder Steuern nicht nur an den deutschen Fiskus, sondern auch an die amerikanischen Provider.“ Bei der Robotik drohe seiner Einschätzung nach das Gleiche. „Wenn nicht wir es sind, die die Lösungen bauen, wandert immer mehr Wertschöpfung ab.“
Privat sucht Rothe den Ausgleich bewusst. Morgens versucht er, zum Sport zu gehen, Cardio-Fitness-Classes. Am liebsten aber geht er segeln: „eine Woche, kein Handy, kein Empfang, wenig KI, nur die Naturkräfte“. Es ist der größtmögliche Kontrast zu seinem Alltag. Und obwohl er zugibt, dass er die meiste Zeit mobil liest, oft auf dem Handy im Zug oder im Flugzeug, gibt es auch hier Momente der Reflexion. Geprägt haben ihn die Jahre in der Entrepreneurs’ Organization, einer Art „Selbsthilfegruppe für Unternehmer“, wie er schmunzelnd sagt. Dort lernte er zurückzutreten und zu verstehen, welche Emotionen ihn in bestimmten Situationen antreiben – Freude, Neid, Bitterkeit. „Dieser Abstand hat mir oft geholfen, einerseits besser damit umzugehen oder andererseits das eigentliche Problem zu erkennen, das ich lösen muss.“
Wenn Rothe von der Zukunft spricht, wirkt er besonders lebhaft. Die ersten vier, fünf Jahre nach der Gründung habe man KI noch erklären müssen, die Technologie funktionierte noch nicht gut genug, man musste „verkaufen“. Dann kam der November 2022 – „zufällig der Tag meiner Verlobung, deswegen kann ich mir das Datum gut merken“ –, und mit ChatGPT änderte sich alles. Ein immenses wirtschaftliches Potenzial tat sich auf. Die nächsten fünf Jahre, so seine Prognose, werden „die wildeste Transformation“ bringen. „Das wird manche Firmen völlig disrupten, manche komplett beschleunigen, den Arbeitsmarkt von Grund auf verwandeln, auch das Bildungssystem.“ Er sei „super motiviert“. Ganz klar: Rasmus Rothe hat sich dem Problemlösen verschrieben. Und das größte Problem, das er gerade lösen will, ist: Wie bringt man Europa an die Spitze der KI-Revolution? Ein Lebensprojekt, wie er selbst sagt. Man nimmt es ihm ab.
Text: Christian Bracht
Fotos: © Paula Winkler / https://www.paulawinkler.com/
Datum: März 2026
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