Felicia von Reden will die Kinderwunschbehandlung revolutionieren. Ihr Start-up Ovom Care befähigt Ärztinnen und Ärzte, die Behandlungen mittels KI-Technologie zu individualisieren.
Morgens, wenn Felicia von Reden aufwacht, ist da zuerst der Kopf. Zack, zack, zack – was muss alles erledigt werden? Das war nicht immer so. Früher, sagt sie, kam erst das Bauchgefühl. Aber seit sie Gründerin ist, seit sie Verantwortung trägt für ein Unternehmen, das sich an einem der intimsten menschlichen Wünsche abarbeitet, hat sich etwas verschoben. „Inzwischen ist sehr viel Kopf dabei“, sagt die 29-Jährige, und man spürt in diesem Satz beides: die Ambition und den Preis, den sie dafür zahlt. Wir sitzen in einem Besprechungsraum auf dem Merantix AI Campus in Berlin-Mitte, umgeben vom geschäftigen Summen Hunderter Start-up-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter. Ihre Hannoveraner Herkunft ist für von Reden wie ein unsichtbarer Anker – sie selbst nennt sich einen „extremen Heimatmenschen“, tief verwurzelt in der niedersächsischen Landschaft, bei den Pferden, in der Natur. Berlin sei eine andere Welt. Schneller. Härter. Aber auch: notwendig, um ihre Ziele zu erreichen.
Felicia von Reden kam nicht nach Berlin, um Karriere zu machen. Sie kam, weil das System sie im Stich gelassen hatte. Sieben Jahre dauerte es, bis bei ihr Endometriose diagnostiziert wurde – eine chronische Erkrankung, die nicht nur qualvoll ist, sondern auch die Fruchtbarkeit massiv beeinträchtigen kann. Sieben Jahre zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose, in denen sie von Arzt zu Ärztin wanderte und niemand die richtigen Fragen stellte. Als sie schließlich einen erfahrenen Mediziner in Berlin fand, war die Erleichterung groß: Es gab einen Grund für ihr Leiden. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Ihr reproduktionsmedizinisches Alter, erfuhr sie, liege mindestens zehn Jahre über ihrem biologischen Alter. Der Arzt gab ihr zu verstehen, dass es nicht einfach sein werde, wenn sie irgendwann eine Familie gründen wolle. Je früher, desto besser.
„Das war’s“, erinnert sich von Reden. Keine Prognose, kein Therapieplan, nichts. Nur diese dürre Aussage, die ihr Leben auf den Kopf stellte. Sie begann, sich mit Kinderwunschmedizin auseinanderzusetzen, und sprach mit Reproduktionsmedizinerinnen und -medizinern. Von ihnen hörte sie völlig unterschiedliche Meinungen, es gab kaum verlässliche Daten. „Viele Kliniken vermitteln das Gefühl, man sei eine Nummer von hundert“, sagt sie. „Eine individuelle Behandlung gibt es nicht, es wird einfach ein Zyklus nach dem anderen wie in einer Fabrik abverkauft – und das sehr, sehr teuer.“ In Felicia von Reden reifte die Erkenntnis: Das kann so nicht sein. In einer Welt, in der KI-Technologie Versicherungen, Immobilien, selbst das Banking revolutioniert hat, ist die Reproduktionsmedizin im Dunkelalter stecken geblieben. Was folgte, war keine klassische Unternehmensgründung: Es war der Versuch, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – und dabei ein ganzes System neu zu denken. „Ich baue im Endeffekt die Patientenerfahrung, die ich als Patientin gern erlebt hätte“, sagt Felicia von Reden. Sie spricht von Ovom Care, ihrem KI-basierten Healthtech-Start-up für die Kinderwunschbehandlung.
Die Idee dahinter erscheint simpel: Ovom Care bietet die Technologie, um die Erfolgswahrscheinlichkeit von Kinderwunschbehandlungen zu erhöhen und gleichzeitig die Effizienz der Kliniken zu steigern. Doch dahinter verbirgt sich ein radikaler Ansatz. Die Gründerin und ihr Team bauen nicht einfach Software für bestehende Kliniken – sie bauen das gesamte System neu. „Wenn man das Gesundheitswesen wirklich verändern will, muss man es von Grund auf neu denken“, sagt sie, „man muss es quasi zerstören.“ Das klingt martialisch, aber die Unternehmerin präzisiert: Solange man nur Technologie in ein veraltetes System pumpt, wird sich nichts Grundlegendes ändern. Nur wenn fundamentale Veränderungen herbeigeführt und vor allem akzeptiert werden, können die Patientinnen in ihrer Diversität wirklich wahrgenommen und zielführend behandelt werden.
Doch weil Deutschland eine solche Veränderung noch nicht zulässt, geht Ovom Care einen anderen Weg: Das Start-up betreibt eine eigene Klinik in Portugal. Das Land bietet eine große rechtliche Offenheit für die Kinderwunsch-behandlung gleichgeschlechtlicher Paare, Alleinerziehender und für Paare mit Eizellenwunsch. Künstliche Intelligenz unterstützt Ärztinnen und Ärzte dabei, datengetrieben bessere Entscheidungen zu treffen. Wo Kliniken mit konventioneller Vorgehensweise Erfolgsraten von 30 bis 35 Prozent verzeichnen, liegt das Start-up bereits heute weit über dem Industriestandard. Und die Patientinnen werden aktiv einbezogen: Sie können ihre heranreifenden Embryos über die fünf Tage bis zum Transfer live per App beobachten, erhalten Einschätzungen zum Verlauf in Echtzeit, müssen nicht mehr gebannt am Telefon sitzen und auf den erlösenden Anruf warten.
„Die menschliche Komponente steht im Mittelpunkt“, betont Felicia von Reden. Die KI ersetze nicht die Ärztin oder den Arzt – sie befähige sie. „Man kann nicht das gesammelte Wissen dieser Welt in seinem Kopf speichern und dann auch noch auf jeden einzelnen Blutwert, jedes einzelne Ultraschallbild anwenden“, stellt sie fest. „Das funktioniert nicht. Darum macht das bei uns KI.“ Drei Ziele hat sich das Berliner Start-up gesetzt: erstens die Erfolgswahrscheinlichkeiten zu erhöhen, zweitens den Zugang zu erweitern – nicht nur über Altersgrenzen und denen des Body Mass Index hinaus, sondern auch für gleichgeschlechtliche Paare und Menschen, die sich die Behandlung finanziell nicht leisten können – und drittens die Patientinnenerfahrung zu revolutionieren.
Die Fähigkeit, große Visionen zu entwickeln und hartnäckig zu verfolgen, hat Felicia von Reden früh gelernt. Geboren in Gehrden bei Hannover – zu Hause, nicht im Krankenhaus, „ich war so schnell unterwegs, ich wollte raus“ –, wächst sie in einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Pferdezucht auf. „Ich saß im Sattel, bevor ich laufen konnte.“ Später reitet sie im Leistungssport, kümmert sich zu Hochzeiten um drei eigene Pferde, neben der Schule und „allem anderen“. Noch prägender als das Umfeld jedoch ist ihre Mutter – selbst Unternehmerin mit zwei kleinen Kindern. Felicia ist nicht im Kindergarten, sondern sitzt an ihrem kleinen Schreibtisch neben dem der Mutter. „Wenn sie zum Telefonhörer griff, habe ich auch den Hörer abgehoben“, erinnert sie sich lachend. „Ich erzähle immer gern die Geschichte, dass ich damals schon BBC gespielt habe“ – Boss Baby CEO. Das Schaffen, das Gestalten, das Neue-Dinge-Bauen – dieser intrinsische Drang komme aus allen Poren, aus jedem DNA-Strang, sagt sie. Nach dem Abitur mit 17 studiert sie zunächst Wirtschaftswissenschaften in Hannover, dann an der European Business School im Rheingau, später in St. Gallen. Felicia von Reden arbeitet in der Strategieberatung, im Venture Capital, will die Investorenseite kennenlernen, bevor sie als Gründerin aktiv wird. Ihr erstes Unternehmen bringt sie im Bereich Veterinärmedizin an den Start. Als es zum Konflikt mit den Mitgründern kommt, steigt sie aus. Dann kommt die Endometriose-Diagnose. Und mit ihr die Klarheit: Das ist es.
Berlin war die logische Konsequenz. „Wenn sich im KI-Bereich etwas tut, dann hier“, sagt von Reden. Die Stadt habe Tempo, qualifizierte Menschen, eine Kultur des Unternehmertums. „Wir probieren das jetzt einfach mal – es kann auch nicht funktionieren, aber wir machen es.“ Diese Einstellung, sagt sie, mache Berlin in Deutschland einzigartig. Die vergangenen drei Jahre, räumt von Reden ein, seien dennoch hart gewesen. Rechtsstreitigkeiten, massive Verzögerungen beim Aufbau der Klinik in Portugal, ein regulatorischer Marathon. „Ich bin unendlich gewachsen im Aushalten von Druck, im Umgang mit dem Gefühl von Angst“, sagt sie. Sie habe sich selbst kennengelernt: Wie reagiert sie auf Stress? Was trägt sie? Was zerbricht? Doch es bleibt stets die Hoffnung, die sie antreibt. „Hoffnung“, sagt Felicia von Reden, „ist das, was ich anderen geben möchte. Einen Rahmen setzen, einen Kontext, in dem Menschen individuell begleitet werden.“ Wenn ihr das gelingt – und vieles spricht dafür –, entsteht aus der persönlichen Erfahrung nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen, sondern ein neues System, in dem Menschen mit Kinderwunsch nicht mehr Nummern sind, sondern Individuen. In dem Technologie nicht entmenschlicht, sondern ermöglicht. In dem aus Verzweiflung Hoffnung wird.
Jeden Morgen wacht Felicia von Reden auf und denkt: Zack, zack, zack – was muss alles erledigt werden? Aber tief in ihr, unter all dem Kopf, ist das Bauchgefühl noch da. Es war richtig, diesen Weg zu gehen. Es ist richtig, weiterzugehen.
Text: Christian Bracht
Foto: © Andrea Vollmer / https://www.andreavollmer.de/
Datum: März 2026
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