Vor sechs Jahren brachte Dr. Oliver Merkel den Lieferdienst Flink an den Start. Auf einen kometenhaften Aufstieg folgte der tiefe Fall, doch der Unternehmer macht einfach weiter. Eine Frage der Haltung, findet er.
Dr. Oliver Merkel war ein Mann der zweiten Reihe. Zehn Jahre lang arbeitete der heute 49-Jährige geduldig als Unternehmensberater, zuletzt als Partner bei Bain & Company, wo er Vorstände großer Firmen durch Strategieprozesse, Transaktionen und Transformationsprojekte führte. Er war gut darin. Sehr gut sogar. Aber irgendetwas nagte an ihm. „Beratung“, sagt Merkel, „ist im besten Sinne ein fortgesetztes Praktikum.“ Man darf in die verschiedensten Industrien hineinschauen, bekommt die kniffligsten Probleme auf den Tisch, arbeitet mit den klügsten Leuten – und schreibt dann eine Empfehlung.
Der Moment, in dem er verstand, dass ihm das nicht mehr reicht, kam bei der Arbeit für einen der größten Discounter Deutschlands. Die Onlinestrategie war sorgfältig ausgearbeitet, der Befund klar, die Empfehlung eindeutig. Doch dem Unternehmen fehlte der Mut zur Umsetzung. Merkel erinnert sich, wie er damals dachte: „Ich würde das sofort durchziehen.“ Eins zu eins. Das war kein Aufbegehren gegen den Klienten. Es war die Erkenntnis, dass er selbst im Feuer stehen will, statt immer nur die Zündhölzer bereitzustellen. Das Feuer kam dann schneller und heißer, als er es sich vorgestellt hatte.
Ende 2020 gründete Oliver Merkel Flink, einen Lieferdienst für Lebensmittel, der das Versprechen gab, innerhalb von zehn Minuten zu liefern. Was folgte, liest sich heute wie eine dieser Start-up-Parabeln aus dem Harvard-Lehrbuch: nach sieben Monaten eine Milliardenbewertung, kurz darauf ein Übernahmeangebot in Milliardenhöhe, ein Deal mit Rewe als strategischem Einkaufspartner – ein Wettbewerbsvorteil, der die Konkurrenten das Fürchten lehren sollte. Merkel und sein Team bauten Flink in einem Tempo auf, das die Venture-Capital-Szene in Aufregung versetzte.
In Hochzeiten beschäftigte das Unternehmen mehr als 10.000 Menschen in mehreren europäischen Ländern – „Picker und Rider“, wie Merkel die Mitarbeitenden in den Warenlagern und auf den Fahrrädern intern nannte. Wer den Unternehmer heute nach dieser Phase fragt, bekommt keine triumphierende Rückschau präsentiert. Merkel analysiert präzise, ohne kühl zu wirken. Die Bewertung von zwei Milliarden Dollar? „Paper money“, sagt er. Eine theoretische Zahl, die mal nach oben, mal nach unten geht. Andere Gründer feiern den Unicorn-Status bombastisch, Flink ließ die große Party demonstrativ aus. „Das hatte nichts mit unserer Leistung zu tun. Das war das Ergebnis der Tatsache, dass wir so viel Geld einsammeln mussten, weil die Spielregeln schon feststanden.“ In dieser Nüchternheit spiegelt sich Merkels Erfahrung wider, die den Blick besser schärft als jede Bewertungsrunde.
Ende 2023 stand Flink am Abgrund. Ein Investor hatte seine Zusage zurückgezogen, andere taten es ihm nach. Eine solche Kettenreaktion kommt im Venture-Capital-Geschäft durchaus vor, und Merkel kann deren Folgen präzise beschreiben. Er weiß, was es bedeutet, wenn man als Geschäftsführer einer deutschen Aktiengesellschaft mit dem Privatvermögen haftet. Wenn man weiß, dass die Jobs von 10.000 Menschen von den nächsten Entscheidungen abhängen – ihre Miete, ihre Krankenversicherung, ihre Würde. Und wenn man gleichzeitig mit niemandem darüber sprechen darf, weil sonst die besten Leute das Unternehmen verlassen. „Das sind schlaflose Nächte“, sagt Merkel. Nur zwei, drei Menschen wussten damals von der Lage.
Man musste sich mit Insolvenzszenarien befassen, sowohl sachlich als auch juristisch, ohne nach außen Panik zu zeigen. „Du musst irgendwann verdrängen. Wieder in den Tunnel rein. Es gibt keinen Plan B, nur einen Plan A.“ Was ihm in dieser Zeit half, waren nicht Strategiepapiere, sondern Gespräche mit Unternehmern, die Ähnliches erlebt hatten. Mit Udo Müller von Ströer, der mehrfach selbst an der Wand stand und Merkel einen Satz mitgab, den er nicht vergessen hat: „Man ersäuft immer auf den letzten zehn Zentimetern.“ Mit den Gründern von FlixBus, die den Einbruch des Reiseverkehrs während der Pandemie überstanden hatten. Seine Oma habe immer gesagt: „Am Ende wird alles gut.“ Wenn es also noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.
Am Ende wurde es gut. Flink ist heute profitabel, Cashflow-positiv, wächst wieder. Oliver Merkel hat das Unternehmen inzwischen verlassen. Was er aus der kritischen Phase mitgenommen hat, geht über unternehmerische Lektionen hinaus. Seine Weltsicht hat sich durch die Erfahrungen gefestigt. Sie ist das Gegenteil von Verbitterung: Merkel glaubt an Vertrauen, auch wenn er immer wieder enttäuscht wurde, er gibt Vertrauensvorschuss, weil er eine andere Einstellung nicht akzeptiert. „Die Alternative wäre, alle an der kurzen Leine zu führen. Das will ich nicht.“ Wenn das Vertrauen enttäuscht wird, tut es weh, aber es ändert nichts an der Grundhaltung. Die Enttäuschungen haben Merkel klüger gemacht, nicht misstrauischer.
Oliver Merkel ist in Leipzig aufgewachsen und zum Studieren nach Berlin an die Universität der Künste gegangen, wo er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studierte. Nicht weil es der naheliegendste Weg gewesen wäre, sondern weil man ihm gesagt hatte, er komme da nicht rein. Dieser Charakterzug – ein Reflex gegen Begrenzungen – zieht sich durch sein Leben. Über Berlin spricht er mit einer Loyalität, die er selbst für leicht paradox hält. Er weiß um die strukturellen Schwächen der Stadt, um ihre notorisch überforderte Verwaltung und das politische Durch-einander. „In München passiert vieles wegen der Regierung, in Berlin passiert trotzdem alles.“ Aber er ist nicht trotz Berlin hier, sondern wegen der Menschen. Wegen der Internationalität, die Flink erst möglich gemacht hat. Wegen des Talentpools, der in seiner Dichte in Deutschland einzigartig ist. Und wegen dieser spezifischen Berliner Mischung: Business und Kultur, Ambition und Subversion, Scheitern und Wiederaufstehen.
Er hat sich deshalb mit Blocks, seinem neuen Unternehmen, wieder für Berlin entschieden. Eine wichtige Lektion aus der Zeit der Schlaflosigkeit lautet: Es geht darum, die Kosten in den Griff zu kriegen. Konsequent. Blocks löst ein Problem, das Merkel am eigenen Leib bei Flink erlebt hat: explodierende Cloud-Kosten bei gleichzeitig fehlenden Ressourcen, sie zu managen. Cloud-Infrastruktur ist für digitale Start- und Scale-ups der zweitgrößte Kostenpunkt nach dem Personal.
Konzerne haben spezialisierte DevOps-Teams, die sich ausschließlich darum kümmern, kleine Unternehmen können sich das nicht leisten. Blocks schließt diese Lücke mit einem KI-Agenten, den Merkel und sein Team „Major Tom“ getauft haben – in Anlehnung an David Bowies Astronauten und dessen „ground control“: Es geht darum, die Cloud unter Kontrolle zu halten.
Das Branding von Blocks ist bewusst kontraintuitiv: knallige Farben, klare Botschaft, eine Consumer-Ästhetik für ein technisches B2B-Produkt. Die durch Blocks gebündelte Einkaufsmacht verschafft Start-ups einen Zugang zu Preisen, die sonst größeren Unternehmen vorbehalten sind. „Wir haben gesagt: ein Rabatt von 20 Prozent auf die Amazon Web Services. Fertig.“ Der Rest erklärt sich, wenn man genau hinschaut. Für Merkel ist das kein Marketingtrick, sondern die Konsequenz aus einer Erkenntnis, die er sich bei Flink hart erarbeitet hat: Komplexität muss man so lange verein-fachen, bis jemand sie versteht. Nicht umgekehrt.
Mit 49 hat sich bei Oliver Merkel etwas verschoben. Früher, sagt er, sei er sehr selbstbezogen gewesen, wollte die Welt sehen, die besten Restaurants kennenlernen, Karriere machen. Das hält er heute für Quatsch. Nicht dass er es bereue. Vielleicht müsse man erst diesen Weg gehen, bevor man versteht, was wirklich wichtig ist. Das sind für ihn die Menschen, Freundschaften, gemeinsame Erlebnisse. Merkel hat vier Kinder, und wenn er in 20 Jahren zurückblickt, will er sagen können, dass er sie zu guten Menschen erzogen hat. Alles andere – Bewertungen, Exits, Schlagzeilen – seien Zwischenstationen.
Das klingt nach einer verführerischen Sorglosigkeit. Aber sie ist verdient. Oliver Merkel hat gelernt, was es bedeutet, im Feuer zu stehen. Nicht als Beobachter, nicht in der zweiten Reihe. Er weiß jetzt, was er wert ist, wenn die Zahlen wegbrechen, die Investoren schweigen und die schlaflosen Nächte kein Ende nehmen. Für seine Weltsicht, das Vertrauen, hat er teuer bezahlt, aber er gibt sie nicht auf. Das Feuer, in das er so lange wollte, hat ihn nicht verbrannt. Es hat den Unternehmer von heute geschaffen.
Text: Christian Bracht
Fotos: © Norman Konrad / https://normankonrad.de/
Datum: Juni 2026
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