Prof. Dr. Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, auf dem Dach des Humboldt Forums im Hintergrund der Berliner Dom

Luftwurzeln

Dr. Marion Ackermann ist die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wir sprachen mit ihr in der Villa von der Heydt über Heimat, Krisen und die anarchische Kraft Berlins.

Es gibt Menschen, denen das Ankommen zugleich einen Aufbruch bedeutet. Dr. Marion Ackermann ist eine von ihnen. Aufgewachsen in Ankara, studierte sie in Kassel, Wien, Göttingen und München, danach lebte sie in Stuttgart, Düsseldorf, Dresden – und seit einem Jahr ist sie in Berlin. Wenn man sie fragt, ob sie je aufgehört habe, unterwegs zu sein, lächelt sie kurz und antwortet mit einer Gegenfrage: Wozu auch? Man lerne, ganz stark im Augenblick zu leben, sagt sie. Und immer dort komplett zu Hause zu sein, wo man gerade ist. Was wie ein Mantra klingt, ist bei Ackermann das Ergebnis einer Kindheit ohne tiefe Ortsgebundenheit – und eine Haltung, die sie konsequent kultiviert. Alle Wurzeln nehme man mit, sagt sie, auch wenn es Luftwurzeln seien.

Prof. Dr. Marion Ackermann mit verschränkten Armen vor beigem Hintergrund
Textauskoppelung: Die Lebensphilosophie von Marion Ackermann lautet immer dort zuhause zu sein, wo sie gerade ist.

Seit dem 1. Juni ist Marion Ackermann Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – der größten und komplexesten Kultureinrichtung der Bundesrepublik. Ihr unterstehen 19 Museen, die Staatsbibliothek, das Ibero-Amerikanische Institut, Archive und Forschungseinrichtungen von Weltrang. Hermann Parzinger, ihr Vorgänger, leitete die Stiftung 17 Jahre lang und hinterließ einen laufenden Reformprozess, den der Wissenschaftsrat 2020 dringend angemahnt hatte. Eine Baustelle. Mehrere Großbaustellen, genau genommen.

Ackermann kennt das. In Dresden hat sie acht Jahre lang einen Verbund von 15 Museen geführt – während der Pandemie, zur Zeit des spektakulären Juwelendiebstahls im historischen Grünen Gewölbe, inmitten der turbulenten politischen Landschaft Sachsens. Sie weiß, was es bedeutet, eine Institution durch Verwerfungen zu steuern. Und sie weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn Dinge zäh vorankommen. Man schiebe manchmal eine ganz schwere Tür, sagt sie. Die Prozesse dauerten ihr oft zu lange. Geerbte Unklarheiten, historisch gewachsene Strukturen, ausgeprägte institutionelle Schwachheit – das ist der Alltag, der auf die Präsidentin wartet, wenn die schweren Holztüren der Villa von der Heydt in Tiergarten hinter ihr zugehen.

Und doch: Die positive Herangehensweise an neue Aufgaben ist geblieben. Als sie ihr Amt antrat, sprach sie von Freude und Herausforderung. Gefragt, welches Wort heute überwiege, antwortet sie ohne Zögern: „die Freude“. Dann hält sie kurz inne und ergänzt: Es sei schon anspruchsvoll. Aber sie habe auch ganz schön viel geschafft. Und aus diesem Satz hört man kein Selbstlob, sondern eine sachliche Bilanz.

Was Ackermann von anderen Institutionsleitern unterscheidet, ist eine Haltung, die man selten explizit formuliert findet: die Überzeugung, dass auch eine Stiftung Entscheidungen zu fällen hat – und dass es nicht reicht, nur zu warten, bis Regierungen wechseln oder Amtszeiten ablaufen. Demokratie sei nicht Anarchie, sagt sie. Demokratie bedeute, dass Menschen den Mut hätten zu sagen: Wir sehen, dass es nicht gut ist. Wir gehen das jetzt an. Das klingt schlicht. Als Maxime für eine Einrichtung dieser Größe und politischen Empfindlichkeit ist es alles andere als selbstverständlich. 

Demokratie bedeutet, dass Menschen sagen: Wir sehen, dass es nicht gut ist. Wir gehen das jetzt an, sagt Marion Ackermann, Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Prof. Dr. Marion Ackermann auf dem Dach des Humboldt Forums vor der Kunst-am-Bau-Arbeit INSURGENTES SUR von Antje Schiffers und Thomas Sprenger

Antje Schiffers und Thomas Sprenger, Insurgentes Sur
© Antje Schiffers und Thomas Sprenger, Insurgentes Sur, 2021 / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss

Zur disziplinierten Entschiedenheit gesellt sich eine fast wissenschaftliche Selbstorganisation. Marion Ackermann hat ihre Ressourcen in sieben Felder aufgeteilt, und was darüber hinausgeht, macht sie nicht. „Ich habe genauso viele Stunden wie jeder Mensch“, sagt sie trocken. Sie hat Familie. Und braucht auch Zeit zum Nachdenken. Die Sieben-Felder-Struktur ist kein Effizienzgimmick, sondern der Versuch, über Jahre hinweg leistungsfähig zu bleiben, sich nicht zu verausgaben. Man glaubt ihr, dass es funktioniert. 

Intellektuell verwurzelt ist Ackermann in der Sprache. Sie hat Literaturwissenschaft studiert, und die Literatur, sagt sie, habe immer vor der bildenden Kunst gestanden. Ihr Promotionsthema – über die frühen Schriften Wassily Kandinskys – wirkt im Rückblick wie ein erstes Selbstporträt. Der russische Maler, der Kunst als universelle Zeichensprache verstand, der im Bilde spazieren wollte: Ackermann beschreibt diesen Aspekt mit einer Vertrautheit, die über akademisches Interesse hinausgeht. Für ihn sei Kunst eine Form von Esperanto gewesen, sagt sie. Eine universale Sprache. Das sei auch ihr Programm.

Die Frage nach Krisen beantwortet sie mit einem Erdbeben, das sie mit 30 erlebt hat, und mit einem Verkehrsunfall während einer Studienexkursion – nicht mit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe, nicht mit der anschließenden Zahlung einer hohen Summe an einen Betrüger, der vorgab, die Diamanten zurückzugeben. Als wollte sie sagen: Das Handwerkszeug für Krisen liegt tiefer; es reicht zurück bis in frühe Bewährungsproben. In der Krise selbst sei sie funktional, aber fürsorglich. Die Erschütterung komme erst Tage später, wenn die Gefahr vorbei sei.

Der unbeschrittene Weg nach Paris – ihr Rückzug von der Kandidatur für die Direktion des Centre Pompidou im Jahr 2013 – bleibt eine der schärferen Szenen ihres Lebensweges. Es habe eine nationalistische Tonalität in den führenden Pariser Zeitungen gegeben, erzählt sie. Sie gab bekannt, für das Amt nicht zur Verfügung zu stehen. Dann, wenige Tage später, ein Anruf: ob sie es nicht doch machen wolle. Entscheidung gegen Paris, zusammen mit der Familie. Es habe sich angefühlt, als wäre die Zeit noch nicht reif. „Ich will nicht in solch einer Situation sein“, sagt sie – ein Satz, der viel über Würde und Pragmatismus zugleich erzählt. Inzwischen, bemerkt sie, sei es in Paris besser geworden. Auch das sagt sie ohne Bitterkeit.

Prof. Dr. Marion Ackermann leicht lächelnd in einem grünen Sessel sitzend
Das Zitat von Marion Ackermann lautet: „Wir haben eine Chance, zur Verständigung der Menschen beizutragen.“

Politisch hat Marion Ackermann eine klare Linie, die sie mit einem Beispiel aus ihrer Düsseldorfer Zeit belegt: dem Verkauf zweier Bilder des Popkünstlers Andy Warhol aus Aachen in die USA, dem Protest der nordrhein-westfälischen Museumsdirektoren und dem Brief, den sie als Leiterin der Kunstsammlung der Landeshauptstadt zu unterzeichnen hatte.

Zuvor jedoch schrieb sie ihrer Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einen persönlichen Brief, berief sich auf demokratische Loyalitätspflichten, kündigte an, was sie tun werde. Keine Verbeugung, keine Unterwerfung. Eine Erklärung. „Ich verbiege mich nie“, sagt sie. Und man zweifelt nicht daran. Was die Kindheit in Ankara ihr mitgegeben hat, beschreibt Marion Ackermann mit Worten, die im deutschen Institutionenbetrieb selten fallen: Leichtigkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft. „Je ärmer jemand war, desto reicher war der Tisch gedeckt.“ 

Deutschland, sagt sie, sei überreguliert und schlecht in der Gastfreundschaft – das meint sie nicht anklagend, sondern als nüchterne Diagnose und als Kontrastprogramm zu dem, wie sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiterentwickeln will: hin zu einem internationalen Verbund, der nicht nur Sammlungen verwaltet, sondern echte Verbindungen zwischen Menschen schafft. „Wir haben eine Chance, zur Verständigung der Menschen beizutragen“, sagt sie. „Naiv? Vielleicht ein bisschen. Notwendig? Eindeutig.“

Gefragt, was sie zuletzt gelesen habe, nennt sie Harry Graf Kessler. Nicht als Referenz, sondern als abendliche Lektüre. Sie habe nachgeschlagen, was der Diplomat und Publizist Kessler für den Januar 1926 notiert – als Zeitzeuge der Verhandlungen von Locarno, als Teilnehmer an Trauerfeiern, als Chronist eines Berlins, das zwischen Absturz und Aufbruch schwankte. Die Parallelen zur Gegenwart spricht sie nicht aus.

Berlin, ihre neue Stadt, bezeichnet Marion Ackermann als Stadt der Freiheit. Nicht ohne Einschränkung – sie wohnt in Moabit, kennt das Rohe, die Einschüsse in den Mauern, das alte Frauengefängnis, das gerade zu Künstlerateliers umgebaut wird. Aber gerade solche Bruchstellen machen Berlin zu dem, was es ist: zu einer Stadt, die sich nicht durchregieren lässt.

Künstler wie Thomas Demand und Tomás Saraceno bespielen Orte, die kein anderer betritt – ein vergiftetes Agfa-Gelände, ein Atelier über einem Tunnel. Das sei ein Ausdruck anarchischer Kraft, ein Symbolbild der Selbsterneuerungskraft Berlins. Marion Ackermann vertraut dieser Kraft. Nicht naiv, sondern weil sie gelernt hat, in Städten nach Zwischenräumen zu suchen. Von den Zwischenräumen her, sagt sie, versuche sie die Dinge zu verändern – von den Rändern her nach innen. Das ist ein ungewöhnlicher Satz für eine Frau, die gerade die größte und vielfältigste Kultureinrichtung des Landes leitet. Vielleicht ist er deshalb glaubwürdig. 

Text: Christian Bracht 
Fotos: © Julia Sellmann / https://juliasellmann.com/ 
Datum: Juni 2026

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