Lebensmittel in Bioqualität gibt es längst in jedem Laden. Was macht eine auf Ökoprodukte spezialisierte Marktkette dennoch unverzichtbar?
Daniela Feldt, Finanzvorständin der Bio Company, über den Spagat zwischen Wertschätzung und Wirtschaftlichkeit
Frau Feldt, die Bio Company wurde 1999 gegründet und zählt heute zu den führenden Biomarktketten in Berlin und Brandenburg. Sie selbst sind seit 18 Jahren im Finanzbereich tätig. Wie haben Sie die Entwicklung des Unternehmens und den Wandel der Biobranche in Berlin erlebt?
Als ich zur Bio Company kam, war Bio ein Überzeugungsthema. Wir mussten erklären, warum Bio und gesunde Ernährung wichtig sind. Heute ist Bio in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir handeln aus Überzeugung und mit Haltung – und das nehmen unsere Kunden wahr. Ich habe diese Entwicklung wirtschaftlich begleitet. Als Betriebswirtin kam ich damals ins Unternehmen, um das Wachstum bewusst, organisch und finanzierbar mitzugestalten. Dabei ging es immer darum, welchen Mehrwert Wachstum hat. Wir verstehen uns trotz unserer Größe weiterhin als Mittelstand. Im Juni werden wir fast 2.000 Mitarbeitende haben. Wir müssen solide wirtschaften, damit unsere Werte langfristig bestehen bleiben können. Gerade heute ist das eine große Herausforderung. Nachhaltigkeit ist für mich eine Haltung. Sie muss ehrlich, alltagstauglich und wirtschaftlich vertretbar sein. Berlin ist dafür der perfekte Ort: herausfordernd, vielfältig und offen.
Was uns über all die Jahre getragen hat, ist der Gedanke: Wir bringen ein Stück Land in die Stadt. Viele unserer Produzenten kommen aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Früher waren es oft Lebensmittelskandale, die Menschen zu uns führten, weil sie uns vertraut haben. Heute müssen wir zeigen, warum man gerade zu uns kommen sollte: wegen Regionalität, Frische, Vertrauen und echter Qualität. Ein gutes Brot muss hier in Berlin handwerklich hergestellt werden, das Getreide kommt aus Brandenburg. Das schmeckt und spürt man.
Sie sind in der DDR aufgewachsen. Hat diese Erfahrung Ihre Haltung zu Wirtschaft, Konsum und Nachhaltigkeit beeinflusst?
Meine Kindheit und ein Teil meiner Jugend fanden in der DDR statt, das hat mich in zwei Punkten besonders geprägt. Zum einen im Umgang mit Wertschätzung und Verfügbarkeit. Wenn Dinge nicht selbstverständlich verfügbar sind, lernt man ihren Wert zu schätzen. Ein frisches Brot mit Schinken oder eine Konservendose Fisch waren etwas Besonderes. Man teilte es mit der Familie, das hat Genuss und Dankbarkeit geschaffen. Der zweite Punkt ist, für die eigene Überzeugung einzustehen. Das war damals eher eine Ausnahmeerscheinung und hat mich stark geprägt. Wenn ich von etwas überzeugt bin, dann stehe ich dafür ein.
Gerade beim Thema Nachhaltigkeit ist das wichtig. Nur weil etwas schwierig wird, darf Nachhaltigkeit nicht aufhören. Man muss Wege finden, auch unter schwierigen Bedingungen an diesen Werten festzuhalten. Nachhaltigkeit beginnt für mich bei mir selbst. Wie viel kaufe ich wirklich? Wie gehe ich mit Lebensmitteln um? Wie werden Produkte hergestellt? Was unterstütze ich mit meinem Konsum? Ich bin dankbar, dass meine Kindheit mir gezeigt hat, dass Dinge einen Wert haben und Haltung wichtig ist. Meine Kollegin und ich bilden heute gemeinsam den Vorstand. Uns begegnet oft Gegenwind – als Frauen in Führungspositionen im Einzelhandel und mit ostdeutscher Biografie. Aber wir wissen: Wir sind nur so stark wie die Gemeinschaft, die uns trägt. Dieses Miteinander und gegenseitige Rückenstärken ist für uns essenziell.
Die Bio Company steht für Werte wie Respekt, Toleranz und Nachhaltigkeit. Was bedeuten diese Begriffe für Sie konkret im unternehmerischen Alltag?
Werte sind nur dann glaubwürdig, wenn sie im Alltag spürbar sind. Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden sowie Lieferanten müssen sie erleben können. Gerade im Handel ist der Alltag oft schnell und anspruchsvoll. Deshalb ist es wichtig, miteinander zu sprechen, zuzuhören und die Bedürfnisse der anderen zu verstehen. Wir haben einen „Tellerrandtag“. Dabei gehen Mitarbeitende aus der Zentrale – auch ich als Vorstand – in die Märkte und arbeiten dort mit. So entstehen Verständnis und Respekt für die Arbeit vor Ort.
Toleranz bedeutet für mich Offenheit und gemeinsames Miteinander. Bei uns arbeiten Menschen aus mehr als 50 Nationen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen zusammen. Diese Vielfalt möchten wir leben, sie ist eine große Stärke. Auch jeder unserer Märkte ist anders, weil die Kieze so verschieden sind. Nachhaltigkeit darf bei Krisen nicht aufhören. Ressourcen wie Energie, Wasser, Rohstoffe oder kurze Lieferwege müssen genauso ernst genommen werden wie wirtschaftliche Kennzahlen. Nachhaltigkeit muss auch intern gelebt werden. Unsere Mitarbeitenden bringen sich aktiv ein und entwickeln Ideen weiter. Genau diese Authentizität ist entscheidend.
Bioprodukte sind inzwischen auch im Sortiment von Discountern vertreten. Freuen Sie sich über diese Entwicklung oder sehen Sie darin eher eine Verwässerung der ursprünglichen Idee und Wertschätzung?
Grundsätzlich finde ich es großartig, dass Bio in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Je mehr Bioprodukte gekauft werden, desto besser ist das für Umwelt, Landwirtschaft und Tierwohl. Aber Bio darf nicht auf den günstigsten Preis reduziert werden. Bio ist für mich ein ganzes System: von der Landwirtschaft über faire Partnerschaften bis hin zu Transparenz und Wertschätzung. Deshalb muss man sich fragen, wie nachhaltig bestimmte Angebote wirklich sind, etwa wenn Produkte über weite Strecken transportiert werden oder Tierhaltungsstandards niedrig bleiben. Bei uns stehen Transparenz, Regionalität und Vertrauen im Mittelpunkt. Kundinnen und Kunden sollen sich darauf verlassen können, dass Produkte ehrlich hergestellt sind. Wir müssen den Preisvergleich dabei nicht scheuen. Entscheidend sind Inhaltsstoffe, Geschmack, Herstellung und Qualität – nicht nur das Preisschild.
Für das Geschäftsjahr 2025 hat die Bio Company einen deutlich über den Erwartungen liegenden Jahresüberschuss gemeldet. Wie fällt Ihre Prognose für das laufende Jahr aus?
Wir bleiben vorsichtig optimistisch. 2025 hat gezeigt, dass wir auch in schwierigen Zeiten gut wirtschaften können. Gleichzeitig wäre es unrealistisch zu behaupten, dass uns die aktuellen Krisen nicht betreffen. Konsumzurückhaltung, geopolitische Unsicherheiten und fragile Lieferketten spüren wir selbstverständlich auch. Deshalb setzen wir auf solides Wirtschaften, Transparenz und enge Partnerschaften.
Unsere Stärke liegt in der Regionalität, sie macht uns unabhängiger und resilienter. Gleich zeitig unterstützen wir Start-ups hier in Berlin und im näheren Umkreis, die später oft große Erfolge feiern. Unsere solide Basis aus Kundschaft, Produzentinnen und Produzenten sowie Partnerschaften trägt uns – gerade in unsicheren Zeiten.
Abschließend ein Blick nach vorn: Wie sehen Sie die Zukunft der Biobranche – und welche Rolle spielt dabei die gesellschaftliche Wertschätzung für nachhaltige Lebensmittel?
Die Zukunft der Biobranche hängt davon ab, welchen Wert Lebensmittel für uns als Gesellschaft haben. Gute Lebensmittel haben eine Geschichte: Sie beginnen auf dem Feld, brauchen Wasser, Energie, Saatgut und menschliche Arbeit.
Unsere Stärke liegt in der Regionalität, sie macht uns unabhängiger und resilienter. Gleich zeitig unterstützen wir Start-ups hier in Berlin und im näheren Umkreis, die später oft große Erfolge feiern. Unsere solide Basis aus Kundschaft, Produzentinnen und Produzenten sowie Partnerschaften trägt uns – gerade in unsicheren Zeiten.
Ich glaube, Bio hat eine gute Zukunft, wenn zwei Dinge gelingen. Erstens müssen möglichst viele Menschen Zugang zu Bio haben – auch preissensible Kunden. Zweitens müssen nachhaltige Lebensmittel wieder stärker wertgeschätzt werden. Dabei geht es nicht um Moral, sondern um eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Frage. Denn die Folgen schlechter Lebensmittelproduktion zahlen wir am Ende alle – ökologisch und gesundheitlich. Wenn wir diese Zusammenhänge sichtbar machen und weiterhin glaubwürdig handeln, dann hat die Biobranche Zukunft. Davon bin ich überzeugt.
Interview: Nisha Merit von Carnap
Fotos: © Anna Tiessen / https://annatiessen.com/
Datum: Juni 2026
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