Abbildung der Rückseite einer 5 Pounds Münze von 1839 aus Großbritannien

Großbritannien, 5 Pounds, 1839

Münzen im Portfolio

Der Schweizer Numismatik-Experte Jürg Richter über Sachwerte, Sammelleidenschaft und die historische Dimension physischer Investments

Herr Richter, Gold und Silber erreichen Rekordhöhen. Warum rücken physische Werte insgesamt gerade wieder stärker in den Fokus?

Ich würde das persönlich auf die weltwirtschaftliche Unsicherheit zurückführen. Wir wissen nicht, wohin sich viele Länder entwickeln werden. Gerade in den USA sind die Prognosen nicht gerade positiv. Das führt zu einer Flucht in Sachwerte, die wir schon seit mehreren Jahren beobachten. Wir haben immer empfohlen, das Portfolio ein wenig zu diversifizieren. Gold war früher deutlich günstiger, mittlerweile liegt es bei rund 4.176 Euro pro Unze beziehungsweise 134.263 Euro pro Kilogramm. Das führt dazu, dass der Kleinanleger nicht mehr die finanziellen Mittel hat, um sich eine Unze oder ein 20- oder 50-Gramm-Stück zu leisten. Deshalb sehe ich vermehrt auch Silber als Anlagestrategie.

Portrait von Jürg Richter, Numismatiker, Inhaber und Geschäftsführer der SINCONA Group

Wenn man von Münzen als Anlage spricht, denken viele zunächst nicht an Sammelleidenschaft. Wie unterscheidet sich das Investment von der Sammlung?

Bei Münzen muss man ganz klar unterscheiden: Es gibt numismatische Stücke und nicht numismatische Stücke. Numismatik bedeutet, dass der effektive Metallwert der Münze völlig unabhängig vom eigentlichen Wert ist. Nehmen Sie als Beispiel ein 20-Franken-Goldstück der Schweiz, ein Vreneli. In normalen Jahren entspricht das 5,8 Gramm Gold, also etwa 778 Euro Goldwert, je nachdem wo der Goldpreis steht. Es gibt aber seltene Jahrgänge, und wenn Sie einen solchen haben, kann der Wert 100.000 bis 150.000 Franken betragen. Wir haben kürzlich ein aus Schweizer Gold aus dem Gondotal geprägtes Vreneli, von dem es nur ganz wenige Exemplare gibt, für über 200.000 Franken versteigert. Da spielt der Goldwert überhaupt keine Rolle. Das sind die numismatischen Münzen. Demgegenüber stehen Anlagemünzen wie Krügerrand, Maple Leaf oder Sovereigns – sogenannte Bullion Coins. Das sind Münzen, die unabhängig von ihrer Seltenheit nur den reinen Goldwert haben. 

Abbildung der Vorderseite einer 4 Escudos Münze von 1705 aus Peru, einer 20 Schweizer Franken Münze von 1897 aus Gondogold, der Rückseite einer 20 Schweizer Franken Münze von 1897 aus Gondogold

Welche Faktoren bestimmen den Wert einer Münze genau?

Das erste Kriterium ist die Seltenheit einer Münze. Je kleiner die Auflage und je größer die Nachfrage dazu, desto höher ist der Preis. Es ergibt natürlich keinen Sinn, wenn Sie eine kleine Auflage haben, aber die Nachfrage noch viel kleiner ist. Deshalb muss man zwischen Münzen und Medaillen unterscheiden. Medaillen kann jeder prägen lassen. Wenn Sie eine Feier haben, zum Beispiel einen runden Geburtstag, können Sie zu einer privaten Prägeanstalt gehen und 100 oder 200 Stück einer Medaille auf Ihren Geburtstag herausgeben. Die Nachfrage wird nicht groß sein, weil weltweit nicht viele Menschen an Ihrer Geburtstagsmedaille interessiert sind. Aber wenn der französische Staat, die Schweiz oder Deutschland zum Jahrestag der Vereinigung eine Goldmünze prägt, ist die Nachfrage weltweit schon sehr groß. Eine staatlich geprägte Münze hat immer ein Nominal, einen auf die Münze geprägten Wert, der ihre Kaufkraft im normalen Zahlungsverkehr bestimmt. Als Privatperson dürfen Sie auf eine Medaille kein Nominal prägen. Erst wenn die Nachfrage größer ist als die Prägeauflage, entsteht dieser numismatische Mehrwerteffekt.

Können Sie ein aktuelles Beispiel geben?

Die Schweiz hat dieses Jahr anlässlich des 100-Franken-Jubiläums von 1925 wieder ein solches Stück herausgegeben, in einer Kleinstauflage von 2.500 Exemplaren zum Ausgabepreis von 3.500 Franken. Wir wussten im Voraus, dass es eine riesige Nachfrage geben würde. Kaum waren die Stücke auf dem Markt, lag der Preis zwischen 15.000 und 20.000 Franken. Das ist die numismatische Seite einer Münze – wenn die Nachfrage wesentlich größer ist als das Angebot, haben sie einen extremen Mehrwert. Wäre das umgekehrt der Fall gewesen und man hätte fünf Millionen Stück geprägt, dann wäre der Preis auf Basis des Goldwerts plus einer kleinen Prämie geblieben. 

Warum interessieren sich heute zunehmend auch professionelle Investorinnen und Investoren für Münzen?

Die Münzen haben im Markt Anerkennung als Investition dazugewonnen. Früher waren es die reinen Aktien, dann kamen Goldbarren dazu, mit der Zeit auch Münzen. Wenn Sie sich ein bisschen mit Münzen auseinandersetzen, sammeln Sie vielleicht zunächst Krügerrand, Maple Leaf, Sovereigns, französische 20-Franken-Goldmünzen – das sind einige der üblichen Stücke. Irgendwann denken Sie sich: Eigentlich gefällt mir das Thema, ich komme aus Bayern oder ich habe ein Ferienhaus in Italien, da hätte ich doch gern ein paar Münzen aus Italien oder Bayern. Dann kommen Sie automatisch ein bisschen mehr in die Materie hinein. Bei numismatischen Münzen ist der Liebhabereffekt sehr groß, weil Sie eine persönliche Beziehung zu einem Stück haben. Es gibt Sportler, die Münzen mit Bezug zu einer Sportart oder einem Sportanlass sammeln, zum Beispiel die Olympiade. Und für Tierliebhaber: In der Antike waren auf vielen Münzen Pferde abgebildet. Wenn Sie selbst ein Schiff haben, finden Sie zahlreiche Münzen mit schönen Schiffsmotiven. Sie haben dann etwas, das einen Bezug zu Ihnen persönlich hat.

Gibt es auch Risiken beim Investment in numismatische Münzen?

Die Risiken können wir eigentlich auf politische Situationen beschränken. Nehmen wir die stabilen Länder wie Deutschland, die Schweiz und umliegende EU-Länder. Wenn Sie da eine seltene numismatische Münze haben, wurde diese ja vor 100, 200, 500 Jahren geprägt. Man weiß, wie viele Stücke geprägt wurden, und man weiß in etwa aus Erfahrungswerten, wie viele Stücke es noch im Handel gibt. Das Risiko eines großen Einbruchs ist sehr überschaubar. Im Gegenteil – da es immer mehr Liebhaber gibt, steigt die Nachfrage stetig, und die Werte steigen parallel.

Abbildung der Rückseite einer Dekadrachme Münze aus Syrakus von um 400–370 v. Chr., Abbildung der Rückseite einer Dukat Münze aus Bayern von 1821 aus Rheingold

Ein häufiges Vorurteil lautet, dass Münzen schwer handelbar seien. Wie liquide ist der Markt?

Der Markt ist sehr liquide. Sie können im Internet nachschauen, wie viel ein Stück wert ist. Das war früher nicht der Fall. Bis vor 10, 15 Jahren mussten Sie wirklich das Vertrauen haben, dass Ihr Händler seriös ist und die Münze, die er verkauft, dem Marktwert entspricht. Heute können Sie zu einem entsprechenden Stück, das angeboten wird, im Internet recherchieren. Sie können sehen: Vor einem halben Jahr war die Münze in dieser Auktion, vor einem Dreivierteljahr in jener Auktion. So bekommen Sie ein Gefühl für den Preis. Ähnlich wie bei Weinen oder Briefmarken gibt es das bei Münzen auch.

Sie sagten, bei numismatischen Münzen sei der Liebhabereffekt wichtig. Für wen eignen sich diese Münzen als Anlage?

Sie müssen eine Affinität zur Kunst haben. Münzen, insbesondere numismatische, sind ein Stück Kunst. Wenn man 500, 1000 Jahre zurückgeht, muss man sich fragen: Wie lange gibt es CNN, Instagram, Facebook? Soziale Medien gab es früher nicht. Es gab Zeitungen, aber nicht mit der großen Verbreitung. Als Brutus Caesar ermordet hat in den Iden des März 44 v. Chr., gab es kein CNN. Das wurde gar nicht groß publik, das wussten vielleicht die umliegenden Quartiere von Rom durch Mundpropaganda. Dann hat Brutus ein paar Tage später Münzen geprägt mit seinem Konterfei und auf der Rückseite zwei Dolchen, der Senatorenkappe und der lateinischen Bezeichnung für „Iden des März“. Die Münzen wurden unter dem Volk verteilt, dann wusste man: Jetzt ist ein neuer Kaiser da. Wenn ein Land sich eine Kolonie eroberte, zum Beispiel Spanien in Peru, machte es eine Prägung. Man hat sehr viel Geschichtliches in die Münzen gelegt. Das ist das Spannende.

Wenn Sie einem Anleger, der Gold kennt, aber Münzen nicht, den Einstieg erklären müssten – was wäre der wichtigste Gedanke?

Bei numismatischen Stücken komme ich wieder zurück auf die Affinität zur Kunst. Sie müssen das Flair haben. Ich würde niemandem, der nur Bullion Coins im Portfolio hat, numismatische Stücke empfehlen. Wenn er hingegen Wein sammelt – Wein ist für mich auch eine Form von Kunst –, dann kann er mit Münzen etwas anfangen. Man muss diese Affinität, diese Leidenschaft zum Sammeln haben. Der Mensch ist Jäger und Sammler. Wenn Sie nur Sammler sind, weil Sie den Investitionsgedanken haben, sind Sie nicht der Kunde, den ich für die Numismatik begeistern will. Der richtige Sammler kauft ein Stück, legt es zur Seite, freut sich daran. Das ist wie bei schönen Gemälden – Sie denken beim Kauf nicht zuerst: Was bekomme ich beim Wiederverkauf? Sie müssen dieses Feuer haben. Wenn Sie ein reiner Investmentanleger sind, haben Sie dieses Feuer nicht – noch nicht. Aber vielleicht kann man es ja wecken.

Interview von Christian Bracht
Fotos: © SINCONA, © NAC
Datum: März 2026

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