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Weltweit fließen Milliarden in Sicherheitstechnologien. Auch Deutschland beginnt sich neu zu positionieren. Die sicherheitspolitische Zeitenwende, ausgelöst durch geopolitische Spannungen und ein verändertes transatlantisches Verhältnis, eröffnet Chancen – insbesondere für Innovationsstandorte wie die Hauptstadt.
Lange Zeit galt die deutsche rüstungs- und Verteidigungsindustrie als politisch wie gesellschaftlich geächtet. Begriffe wie „Dual-Use“ oder „militärische Anwendungen“ lösten vor allem in akademischen und urbanen Milieus reflexhafte Ablehnung aus. Doch diese Haltung weicht zunehmend einem realistischeren und differenzierteren Verständnis: Sicherheit ist die Voraussetzung für Freiheit, Innovation und Nachhaltigkeit. Berlin, das politische Herz Deutschlands, ist dabei prädestiniert, zur Drehscheibe der neuen Defencetech-Ökonomie zu werden. Zwar äußerte sich der Berliner Senat im März 2025 ernüchternd: Auf die parlamentarische Anfrage der Grünen, ob es spezifische Programme gebe, die sich ausschließlich oder schwerpunktmäßig an Unternehmen im Militärsektor richten, hieß es schlicht: „Nein“. Doch das greift zu kurz. Vielmehr entsteht derzeit ein neues unternehmerisches Ökosystem, das Verteidigung nicht als militärische Nische, sondern als hoch innovativen Wachstumsmarkt versteht.
Europas Investitionswelle – und Berlins Rolle
Die Zahlen sprechen für sich: Allein 2024 flossen mehr als fünf Milliarden US-Dollar an Risikokapital in den globalen Defencetech-Sektor. Die EU reagiert mit historischen Maßnahmen – dem „ReArm Europe“-Plan der Europäischen Kommission mit einem Volumen von 800 Milliarden Euro sowie gezielten Innovationsfonds wie dem NATO Innovation Fund oder dem European Defence Fund. Die politische Zielsetzung ist klar: Europa soll technologisch autonomer, resilienter und verteidigungsfähiger werden. Damit öffnet sich auch in Deutschland ein Fenster der Möglichkeiten. Und Berlin ist bestens positioniert, es zu nutzen.
Berlin: Standort Vorteile und Start-up-Kompetenz
Die Hauptstadt verfügt über ein einzigartiges Ökosystem aus Wissenschaft, Technologie und Kreativwirtschaft. Fast 200 Forschungseinrichtungen, eine lebendige Start-up-Szene und die enge Verzahnung mit der Politik schaffen ein innovationsfreundliches Umfeld, das auch für Defencetech-Unternehmen attraktiv wird. Die Nähe zu Ministerien, Behörden und Regulierungsinstanzen ist im sicherheitsrelevanten Sektor ein klarer Standortvorteil. Die Initiative „Unite“, eine neue Transferplattform des Berliner Senats, zielt darauf ab, Ausgründungen aus der Wissenschaft massiv zu fördern – mit dem Ziel, deren Zahl innerhalb von fünf Jahren zu verdreifachen. Dies eröffnet auch für Defencetech neue Wege, die in Deutschland bislang versperrt oder stigmatisiert waren.
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Die Gründer von Reflex Aerospace: COO Alexander Genzel (links) und CEO Walter Ballheimer (rechts)
Dual-Use: Vom Dilemma zum Innovationsmotor
Während deutsche Hochschulen sich lange durch sogenannte Zivilklauseln von militärischen Anwendungen distanzierten, zeigt der internationale Vergleich, dass gerade im Dual-Use-Bereich – also der zivilen wie militärischen Nutzung von Technologien – ein enormes Innovationspotenzial liegt. Die Nutzung des Weltraums, etwa durch Satellitendaten oder Kommunikationstechnologien wie Starlink, ist heute ohne militärische Relevanz kaum mehr denkbar. In angelsächsischen Ländern gilt Dual-Use nicht als ethisches Problem, sondern als wirtschaftlicher Treiber. Auch Deutschland beginnt diese Perspektive zu übernehmen. So entstehen neue Gründungen an der Schnittstelle von KI, Sensorik, Logistik und Cybersecurity – viele davon mit Sitz in Berlin.
Erste Erfolge und strategische Impulse
Mit den Unternehmen LiveEO, Reflex Aerospace und STARK – einer Ausgründung des Drohnenherstellers Quantum – verfügt Berlin bereits heute über relevante Akteure im Bereich Defence und New Space. Der Bundesverband der deutschen Industrie schätzt allein das Marktvolumen des sogenannten Downstream-Segments im New Space auf 320 Milliarden Euro. Hier ist Berlin schon heute einer der wichtigsten europäischen Standorte. Auch auf Investorenseite bewegt sich viel: Fondsgesellschaften und Kapitalinvestoren wie HV Capital, DTCP oder 201 Ventures investieren gezielt in Defence Tech. Unterstützt werden sie von strategisch denkenden Unternehmern wie Dr. Florian Heinemann von Projekt A und dem Clausewitz Netzwerk für strategische Studien, das mit einer Plattform Brücken zwischen Innovation, Verwaltung und Sicherheitsstrukturen schlägt. Es geht um einen institutionellen Zugang zu Programmen und der Forschungslandschaft, vor allem aber um eine Begleitung und Orientierung beim Weg durch die Behördenstrukturen der deutschen, europäischen und nordatlantischen Verteidigungsbürokratie.
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Vom Nachzügler zum Vorreiter?
Als traditioneller Industriestandort mit starken Defence-Strukturen gilt Bayern. Doch Berlin muss sich nicht verstecken, im Gegenteil: Die Hauptstadt besitzt ein modernes Start-up-Ökosystem und entwickelt sich zur Schnittstelle von Technologie, Politik und strategischer Kompetenz. Die bevorstehende Veröffentlichung der ersten deutschen Militärstrategie im Juni 2025 wird neue Bedarfe und Investitionsfelder definieren – und Berlin kann sie als Plattform für Talente, Kapital und politische Steuerung effektiv bedienen.
Potenzial und Verantwortung
Berlin hat das Potenzial, zum zentralen Innovationsknotenpunkt der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu werden. Die Kombination aus Talenten, Technologie, Transfer und geopolitischer Relevanz macht die Stadt zur natürlichen Heimat einer neuen Generation von Defencetech-Unternehmen. Nicht militärischer Expansionismus, sondern die Stärkung von Resilienz, Unabhängigkeit und Sicherheit steht im Zentrum – und Berlin ist bereit, diese neue Verantwortung zu übernehmen.
Text: Dr. Martin C. Wolff
Datum: Juli 2025
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