Bildung ist der Türöffner zur Selbstverwirklichung und Grundlage für Teilhabe. Was kann der Staat dafür leisten – und wo können sich private Träger einbringen? Fünf Expertinnen und Experten haben Antworten.
Yvonne Wende
Geschäftsführende Direktorin der Berlin Cosmopolitan School
© Tanja Brückner / www.tanjabrueckner.de
„Ein gerechtes Bildungssystem braucht keinen Kulturkampf staatlich versus privat, sondern Regeln, die Zugang sichern und Innovation ermöglichen. Die Niederlande zeigen das: Öffentliche und frei getragene Schulen werden gleich finanziert; der Staat setzt Standards, Träger gestalten Profile. In Berlin belegt der Tagesspiegel 2025: Die Berlin Cosmopolitan School (BCS) liegt mit Abiturschnitt 1,5 vorn, zugleich senkt Berlin Elternbeiträge an freien Schulen über Schulgeldersatz für Geringverdiener, um Durchmischung zu stärken. Für Deutschland folgt: Wenn Veränderung Normalzustand ist, braucht Schule mutige Konzepte – Balance of Green and Screen (Natur und Technik), Bilingualität, Sport, Musik und Tanz, Werkstätten, Robotik – plus Future Skills, die BCS als Skills in Practice im Alltag übt. Die Konsequenz: verlässliche öffentliche Finanzierung freier Schulen statt Schulgelddruck, gekoppelt an Transparenz, faire Aufnahme und Durchlässigkeit, damit Innovation skaliert und ins staatliche System ausstrahlt.“
„Der Weg zu Gerechtigkeit in der Bildung führt über mehr Gestaltungsfreiheit. Wir brauchen mehr Gestaltungsfreiheit für die Schülerinnen und Schüler und Räume zum Denken und Tun für die Pädagoginnen und Pädagogen. Dazu gehört auch das kritische Auseinandersetzen mit traditionellen Methoden. Nur so können alle mit den neuen digitalen Möglichkeiten und Chancen mitgehen und sich der nötigen Innovation und Zukunftsorientierung in der Lehre stellen. Dies wäre gepaart mit einer heterogenen Schulträgerstruktur durch Kommunen, Stiftungen, Kirchen und Vereine. So entsteht ein hohes Maß an pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten mit echtem Wettbewerb unterschiedlicher Konzepte. Das Land behielte die fachliche Aufsicht und gäbe den Rahmen für Lerninhalte vor. Schule ist ein lebender Organismus mit vielen Akteuren. Sie gelingt am besten, wenn sich alle gemeinsam verantwortlich fühlen. Die Schulleitung ist für das ganze Team da. Darüber hinaus sollte die Verantwortung für Gebäude, technisches Personal und die Entwicklung des Ganztags in derselben Hand liegen wie die Fachaufsicht für die Lehrkräfte. In der Finanzierung gäbe es eine Kostenerstattung pro Schulplatz, unabhängig von der Schulträgerschaft. So würde Bürokratie verringert, echtes Wahlrecht nach pädagogischem Angebot für Eltern ermöglicht, und das Erheben von Schulgeld wäre nicht mehr nötig.“
Frank Hohn
Vorstandsvorsitzender der Hoffbauer-Stiftung
© Hoffbauer-Stiftung
Prof. Dr. Kai Maaz
Geschäftsführender Direktor DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation
© Britta Hüning / fotorismus für DIPF
„Ein Bildungssystem, das gerecht sein soll, ist darauf angewiesen, dass die öffentliche Hand dafür Verantwortung übernimmt. Bildung ist keine Ware, sondern ein zentrales, gemeinsam getragenes Versprechen: verbindliche Qualität und möglichst gleiche Teilhabechancen, unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Wohnort. Diese Verantwortung darf der Staat nicht delegieren. Aber staatliche Steuerung allein ist nicht allen qualitativen Herausforderungen gewachsen. Private Schulen, Stiftungen und andere Akteure leisten hier einen wichtigen Beitrag: Sie entwickeln Profile, erproben pädagogische Konzepte und investieren gezielt in Qualität. Ihr Mehrwert liegt nicht in besseren Bedingungen für wenige, sondern in der Fähigkeit, Entwicklung vorzudenken und vorzuleben. Problematisch wird Privatisierung dort, wo Qualitätsentwicklung vom Zufall privater Initiative abhängt oder sich vom Gesamtsystem entkoppelt. Private Verantwortung muss anschlussfähig bleiben und mit Impulsen zu einer besseren Bildungsqualität für alle beitragen – nicht nur zur Optimierung einzelner Einrichtungen.“
„Ein gerechtes Bildungssystem beginnt für mich dort, wo Bildung als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird. In einer Schule erleben Kinder nicht nur Unterricht, sondern Beziehung, Verlässlichkeit und Zugehörigkeit. Das lässt sich nicht privatisieren. Privatisierung kann punktuell bereichern – etwa durch Kooperationen mit Stiftungen oder externen Partnern, die Expertise, Zeit oder neue Perspektiven einbringen. Entscheidend ist jedoch, dass diese Angebote allen Kindern zugutekommen und nicht von Herkunft, Einkommen oder Bildungsnähe abhängen. Sobald Zugänge selektiv werden oder Verantwortung aus dem öffentlichen System ausgelagert wird, gerät Bildungsgerechtigkeit ins Wanken. Unsere Schule verstehen wir als ein Lerndorf: ein Ort, an dem viele Verantwortung füreinander tragen. Dieses Dorf braucht einen starken öffentlichen Rahmen, der Sicherheit gibt und Vielfalt ermöglicht. Der Staat darf diese Verantwortung nicht abgeben – auch nicht gut gemeint. Bildung ist kein Markt, sondern ein Versprechen an die nächste Generation. Und dieses Versprechen muss für alle gelten.“
Sandra Scheffel
Schulleiterin der Maria-Leo-Grundschule in Berlin-Pankow
© Tobias Rücker
Mario Lehmann
Träger des Privaten Internatsgymnasiums Schloss Torgelow bei Waren an der Müritz, Träger des Privaten Kurpfalz-Internats in Bammental bei Heidelberg
© Nikola Kuzmanic
„Privatisierung im Bildungsbereich kann Ungleichheiten verstärken – daran besteht kein Zweifel. Nicht alle Familien können ihren Kindern den Besuch einer Privatschule ermöglichen. Ein leistungsfähiger öffentlicher Bildungssektor ist deshalb unverzichtbar. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Warum wünschen sich immer mehr Eltern und Kinder den Besuch einer Privatschule? Warum ist die Nachfrage nach Privatschulen so hoch, dass diese oft lange Wartelisten führen müssen? Nach meiner Erfahrung geht es dabei selten um Prestige. Viel häufiger steht die Sorge im Vordergrund, dass Kinder in großen Klassen nicht ausreichend gesehen und individuell gefördert werden. Genau hier liegen die Stärken vieler privater Schulen. Sie müssen Familien ein Angebot machen, das überzeugender ist als das der öffentlichen Schule – denn sie verlangen Geld für etwas, das andernorts kostenlos angeboten wird. Wären die Rahmenbedingungen an öffentlichen Schulen besser, gäbe es vermutlich deutlich weniger kostenpflichtige Privatschulen. Gleichzeitig tragen sie eine besondere Verantwortung. Durch Stipendien und Förderprogramme müssen sie für soziale Durchlässigkeit sorgen und verhindern, zu exklusiven Einrichtungen für Besserverdienende zu werden. Ein gerechtes Bildungssystem verträgt Privatisierung nur dann, wenn Staat und private Träger gemeinsam Verantwortung übernehmen. Öffentliche Schulen und Privatschulen sind keine Gegner, sondern Teile eines gemeinsamen Systems, das Kindern und Jugendlichen die Grundlagen für ein erfolgreiches Leben vermitteln soll.“
Simply Onno
In Deutschland werden Jährlich rund 140 Millionen medizinische Dokumente ausgestellt und an Patientinnen und Patienten übergeben.
Die Hoffnungsbauerin
Felicia von Reden will die Kinderwunschbehandlung revolutionieren. Ihr Start-up Ovom Care befähigt Ärztinnen und Ärzte, die Behandlungen mittels KI-Technologie zu individualisieren.
Bürgerliches Erbe für die Gegenwart
In der Jägerstraße 51 in Mitte bewahrt ein ehrenamtliches Team das Vermächtnis einer außergewöhnlichen Familie: Die Mendelssohn-Gesellschaft macht Geschichte lebendig.
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